Zeitung Heute : Mehr Geld ist nicht genug

Die Politik will die Vereinbarkeit von Kind und Karriere verbessern. Elterngeld allein, warnen Experten, reicht da nicht

Alexander Visser

Dagmar Klein* arbeitet in leitender Position in einer Berliner Event-Agentur. Die Kollegen sind jung, der Umgangston ist locker, der Chef ein Kumpeltyp. Mit Mitte 30 freut sich Dagmar Klein über eine Tochter und setzt im Beruf für drei Jahre aus. Nach der Rückkehr arbeitet sie halbtags, doch ihr neuer Chef erwartet vollen Einsatz und die gewohnten Überstunden, die Dagmar Klein wegen ihrer Tochter nicht immer leisten kann. Im nächsten Mitarbeitergespräch legt ihr der Vorgesetzte unverholen nahe, sich einen neuen Job zu suchen, „auch im Interesse des Kindes . . .“

Zwar haben die meisten Entscheidungsträger auf abstrakter Ebene längst erkannt, dass Deutschland familienfreundlicher werden muss, aber im Alltag geraten Mütter und Väter nach wie vor immer wieder in die Zwickmühle. Im Jahr 2006 könnten die Weichen neu gestellt werden, denn die große Koalition will die Familienförderung mit der geplanten Einführung des Elterngeldes grundlegend neu ordnen. Das Elterngeld, für das sich schon die frühere SPD-Familienministerin Renate Schmidt stark machte, steht auch bei ihrer CDU-Nachfolgerin Ursula von der Leyen ganz oben auf der Agenda.

Das gehaltsabhängige Elterngeld soll ab dem 1. Januar 2007 gezahlt werden, die Details müssen in den nächsten Monaten ausgehandelt werden; nicht zuletzt mit dem Kassenwart, Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Der Planung zufolge erhält der von der Arbeit pausierende Elternteil bis zu 67 Prozent des letzten Nettoeinkommens, bis zu einer Höchstgrenze von 1800 Euro monatlich.

Wer vorher nichts oder wenig verdient hat, soll einen Sockelbetrag erhalten, 750 Euro sind im Gespräch. Als Dauer sind zwölf Monate vorgesehen, über eine mögliche Streckung wird noch diskutiert. Paare dürfen die Bezugszeit von zwölf Monaten nur dann ausschöpfen, wenn auch der zweite Partner (in der Regel der Vater) mindestens zwei Monate Kinder-Auszeit vom Beruf nimmt. Nach dem Ende der Bezugsperiode des Elterngeldes wird dann voraussichtlich – wie bisher – Erziehungsgeld gezahlt, die Höhe ist noch offen.

Mit der Neuregelung sollen gleich mehrere Ziele erreicht werden: Die Familiengründung soll nicht mehr zu einem starken Einbruch des Einkommens führen, Mütter sollen bessere Karrierechancen haben und Väter stärker an der Erziehung der Kinder teilhaben. In anderen Ländern konnten zumindest einige dieser Ziele erreicht werden (siehe unten).

„Damit vollzieht Deutschland endlich nach, was in vielen anderen europäischen Ländern längst funktioniert“, sagt Christina Stockfisch, die beim Deutschen Gewerkschaftsbund das Projekt „Lokale Bündnisse für die Familie“ (LBFF) koordiniert, an dem sich Gewerkschaften, Unternehmen und Kommunen beteiligen. Allerdings könne das Elterngeld nur ein erster Schritt sein. Wenn nicht auch die Kinderbetreuung und die Wiedereingliederung in den Beruf nach der Elternpause verbessert würden, könne man die gewünschten Ziele nicht erreichen.

„Gerade kleinere Firmen versuchen Mütter, die ihre alte Stelle wieder einnehmen wollen, aus dem Betrieb zu drängen, weil sie als nicht mehr so flexibel gelten“, sagt Stockfisch. „Leider geben viele Frauen trotz ihres Rechtsanspruchs auf Rückkehr dem Druck nach und suchen sich eine minder qualifizierte Stelle oder scheiden ganz aus dem Berufsleben aus.“

„Das kann sich das Land auf Dauer nicht leisten“, betont Hans Bertram, Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität und Vorsitzender der Sachverständigenkommission des 7. Familienberichts 2005. Denn was in einigen Branchen jetzt schon gelte, werde in wenigen Jahren die gesamte Wirtschaft belasten: Fachkräftemangel. Die Wirtschaft könne auf das Potenzial der gut ausgebildeten Frauen auf Dauer nicht verzichten.

„Wir brauchen eine neue Form der Zeitpolitik in Betrieben und kommunalen Einrichtungen“, sagt Bertram. So müssten beispielsweise Betriebszeiten von Unternehmen und Kitas aufeinander abgestimmt werden. „Wenn junge Paare kein Vertrauen haben, dass ihr Kind während der Arbeitszeit gut versorgt ist, erschwert das die Entscheidung für eine Familie“, sagt der Soziologe.

Bertram lobt das LBFF-Projekt, das Anfang 2004 vom Bundesfamilienministerium gestartet wurde: „Hier wird auf lokaler Ebene versucht, die konkreten Probleme zu lösen, mit denen sich berufstätige Eltern herumschlagen müssen.“ Das Vorhaben sei mit vier Pilotprojekten zunächst „zäh angelaufen“, erinnert sich LBFF-Koordinatorin Stockfisch. Mittlerweile haben sich aber schon 250 dieser Bündnisse gebildet, viele andere sind in der Gründungsphase. „Wenn die Bundesregierung das Elterngeld wie geplant einführt und sich zugleich das Engagement auf kommunaler Ebene ausweitet, bin ich optimistisch, das es in Zukunft leichter wird, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen“, sagt Stockfisch.

*Name geändert. Den Fall schilderte eine Leserin in einem Brief an den Tagesspiegel.

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