Zeitung Heute : Mehr Kinder ohne Gesetz

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Fortschritte bei künstlicher Befruchtung

Hartmut Wewetzer

Mehr Geld, weniger Kinder. Seit der letzten Gesundheitsreform müssen ungewollt kinderlose Paare für eine künstliche Befruchtung erheblich mehr bezahlen. Die Regelung gilt seit 2004. Ergebnis: die Krankenkasse spart, und weniger Kinder werden geboren. Aber die Reformer haben kurzsichtig gedacht. Denn auf längere Sicht geht die Rechnung ohne Kinder nicht auf.

Eigentlich geht es hier nicht um Sparen am falschen Platz, sondern um gute Nachrichten. Und das kann in diesem Zusammenhang nur heißen: mehr Kinder. Die gute Nachricht kommt aus Belgien. Dort untersuchten Ärzte der Freien Universität Brüssel, welche Form der künstlichen Befruchtung am erfolgreichsten ist. Dabei ging es um die Frage, wie weit der Embryo entwickelt sein sollte, bevor er in die Gebärmutter verpflanzt wird.

Der einen Hälfte der Frauen wurde jeweils ein drei Tage alter Embryo eingesetzt, der anderen ein bereits fünf Tage alter, genannt Blastozyste oder Blasenkeim. Das Ergebnis der Untersuchung war eindeutig: reifer ist besser. Im ersten Fall kam es bei jeder fünften Frau zur Geburt eines Kindes, im zweiten sogar bei jeder dritten. Dabei muss man aber bedenken, dass es sich um vergleichsweise junge Frauen handelte (unter 36), und dass bisherige Studien nicht so positiv verliefen. Jetzt aber stellt sich mehr und mehr heraus, dass reifere Embryonen bessere Chancen haben.

Was im Einzelfall besser ist, muss abgewogen werden. „Der beste Brutschrank ist die Gebärmutter“, wie es Heribert Kentenich ausdrückt, Gynäkologe an den DRK-Kliniken in Berlin-Westend. Jeder Tag, den der Embryo sich außerhalb des Mutterleibs entwickelt, könnte sich schlecht auf sein späteres Leben auswirken. Andererseits gilt, dass der weiter entwickelte Embryo bessere Überlebenschancen hat.

Leider wird es an dieser Stelle wieder politisch. Denn die belgische Untersuchung lässt sich nicht gut auf unsere Verhältnisse übertragen. Das liegt daran, dass das deutsche Embryonenschutzgesetz veraltet ist und den neuen Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung nicht Rechnung trägt. Es mag auf dem Papier dem Embryonenschutz dienen, führt in der Praxis aber zu weniger Kindern, so wie die Gesundheitsreform. Denn das deutsche Recht verbietet die Auswahl besonders entwicklungsfähiger Embryonen, wie sie im Ausland, etwa in Belgien, gang und gäbe ist. Stattdessen muss jeder Embryo, der erzeugt wird, auch eingepflanzt werden.

Weil eine Auswahl nicht erlaubt ist, werden bei uns mehrere Embryonen eingepflanzt. Das Ergebnis sind nicht selten Mehrlingsschwangerschaften mit einem höheren Risiko für Mutter und Kind. Ärzte wie der Gynäkologe Kentenich fordern deshalb – und noch aus anderen Gründen –, das Gesetz zu überarbeiten. Nun, das wird ganz sicher irgendwann passieren (dies ist eine optimistische Kolumne). Weil sich irgendwann die Erkenntnis durchsetzen wird, dass man jenen Paaren helfen muss, die ein Kind wollen. Bekanntlich gibt es davon hierzulande nicht mehr so viele.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben