Zeitung Heute : Mehr Mut zu Kindern

Die Vereinbarkeit von Job und Familie ist nicht nur gut für Eltern, sondern auch fürs Unternehmen

Matthias Lohre

Eigentlich ist es ganz simpel: Wer sich bei der Vorbereitung auf eine wichtige Telefonkonferenz Sorgen um seine vierjährige Tochter macht, die mit Fieber zu Hause im Bett liegt, konzentriert sich nur mit Mühe auf seine Akten. Das Gleiche gilt für die allein erziehende Mutter, die nicht weiß, wie sie nach der Arbeit ihren Sohn pünktlich aus dem Kindergarten am anderen Ende der Stadt abholen soll. Familie und Beruf sind eben manchmal nur schwer unter einen Hut zu kriegen. Das beklagen nicht nur die betroffenen Eltern. In seltener Einmütigkeit sprechen sich inzwischen auch Unternehmen und Behörden für Verbesserungen aus. Mit der Studie „Betriebswirtschaftliche Effekte familienfreundlicher Maßnahmen“, die von der Prognos AG für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie die Europäische Union erstellt worden ist, liegen nämlich handfeste Kosten-Nutzen-Berechnungen vor, die eindeutig aufzeigen: Familienfreundlichkeit am Arbeitsplatz ist nicht nur gut für gestresste Eltern, sondern zahlt sich auch für den Betrieb aus.

Doch von den vielfältigen Möglichkeiten, die zum Wohle aller Beteiligten in der Studie aufgezeigt werden, sind die meisten Unternehmen noch weit entfernt. Das zeigt eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie der Hertie-Stiftung. Danach scheuen die meisten Betriebe vor Betreuungsmaßnahmen für Mitarbeiter-Kinder zurück – sogar zwei Drittel der Unternehmen, die sich selbst als „familienfreundlich“ bezeichnen. Als Begründungen halten meist Geldmangel und Konjunktur-Krise her, aber auch mangelnde Zeit und „fehlende Organisationsstrukturen“ im Betrieb. Um sich selbst als kinderfreundlichen Betrieb zu sehen, reicht den meisten Unternehmen und Behörden aus, auf die Möglichkeiten flexibler Arbeitszeiten verweisen zu können, also vor allem auf Teilzeit während der Elternzeit oder auf Arbeitszeitkonten.

Doch darin müssen sich die Angebote nicht erschöpfen. Laut Hertie-Studie sind die privaten und öffentlichen Arbeitgeber durchaus offen für mehr Familienorientierung: Bei mehr Informationen über neue Programme sei man durchaus zu mehr Engagement bereit, sagt nahezu die Hälfte der Befragten. Warum also gehen die Unternehmer und Kommunalverwaltungen nicht in die Initiative?

Die Antwort: Sie hoffen auf Geld vom Staat. Das Bundesfamilienministerium hat darauf reagiert – freilich anders als erwartet. Ministerin Renate Schmidt will den Ausbau der Kinderbetreuung unbedingt beschleunigen. In Westdeutschland hat sich die Zahl der Kindertageseinrichtungen seit 1990 erst um ein Viertel erhöht: auf insgesamt 36 700. Das Platzangebot für Schulkinder in derzeit 2000 Horten und für Kinder bis zu drei Jahren in rund 700 Krippen reicht schon gar nicht aus. Verbesserungen verspricht sich Schmidt jetzt mit der Strategie, die Familienpolitik aus dem sozialpolitischen Abseits herauszuholen. Nicht mehr die Gleichberechtigung von Frauen in der Arbeitswelt soll als Argument für mehr Kinderfreundlichkeit dienen, sondern harte, von allen akzeptiert Fakten – wie zum Beispiel Geld. Das Ministerium hat deshalb bei Prognos eine betriebswirtschaftliche Studie in Auftrag gegeben und kann jetzt in konkreten Euro-Beträgen nachweisen, dass sich die Berücksichtigung von Elternpflichten im Unternehmen von ganz alleine rechnet.

Zögerlichen Firmen wird in übersichtlichen Kosten-Nutzen-Tabellen vorgerechnet, wie sich mit entsprechenden Investitionen eine Rendite von 25 Prozent erwirtschaften lässt. Zum Paket sollten gehören: die ohnehin schon weit verbreitete Arbeitszeitflexibilisierung, Beratung und Weiterbildung, laufender Kontakt zur Firma während der Elternzeit, Telearbeit und – last but not least – eine betriebliche Kinderbetreuung.

Das Zauberwort heißt also Synergie. Das Bundesfamilienministerium geht davon aus: Wer seine Mitarbeiter auch während der Elternzeit über Entwicklungen im Betrieb auf dem Laufenden hält, gleichzeitig auf berufliche Weiterbildung setzt, über Arbeitszeitmodelle informiert und Kinderbetreuung anbietet oder vermittelt, fördert auch das Betriebsklima. Dass zufriedene Mitarbeiter mehr für das Unternehmen leisten können und wollen als unzufriedene, steht außer Frage. Doch nicht nur auf der Einnahmeseite rechnet sich Familienfreundlichkeit. Gleichzeitig entstehen auch weniger Kosten. Dann nämlich, wenn gut eingearbeitete Mitarbeiterinnen nach der Geburt eines Kindes den Betrieb verlassen. Derzeit kehren 40 Prozent der Mütter nach der Geburt ihres Kindes drei Jahre und länger nicht an ihren Arbeitsplatz zurück.

Das ist teuer für die Unternehmen. Die Neubesetzung eines Arbeitsplatzes kostet sie bis zu 50 000 Euro. Hinzu kommt: Bis ein Mitarbeiter wirklich voll einsetzbar ist, fallen noch einmal bis zu 43 000 Euro für die Einarbeitung an (siehe Tabelle links).

Die betriebswirtschaftliche Bilanz des Bundesfamilienministeriums jedenfalls ist klar: Durch familienfreundliche Maßnahmen lässt sich viel Geld sparen, beim Flughafenbetreiber Fraport AG zum Beispiel liegt das errechnete Potenzial bei deutlich mehr als einer Million Euro – jährlich.

Die Studie „Betriebswirtschaftliche Effekte familienfreundlicher Maßnahmen“ steht unter www.bmfsfj.de im Internet.

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