Zeitung Heute : Mehr solcher Kolportagen, bitte!

STEFAN HEYM

Über den Erfolgsautor Johannes Mario SimmelVON STEFAN HEYMEr ist Teil jener Generation, deren prägende Jahre in die Zeit fielen, da der zweite Weltkrieg endete und die Nachkriegsepoche in Europa begann - eine Zeit also, als es ums einfache Überleben ging, und wer nicht mitschwimmen konnte in den Wirbeln unweigerlich unterging - aber auch eine Zeit der Hoffnung, daß nun endlich Friede und Gerechtigkeit den Horizont des menschlichen Denkens bestimmen würden.Simmels Vater kam unter den Nazis ums Leben; dem Jungen selber, arbeitsverpflichtet, gelang es, mit Hilfe von Freunden unterzutauchen und sich zu retten; mehr als einmal hat er in seinen Büchern die Methoden beschrieben, mit deren Hilfe man sich der Polizei entzieht, wie denn überhaupt in all seinen Werken die eigene Erfahrung immer wieder zum Vorschein kommt; die Hauptfiguren in Simmels Büchern, ganz gleich, welche fiktive Namen und Berufe er ihnen gibt, sind oft genug erkennbar er selber, und der Realismus, für den ihm, wie er sagt, Hemingway das große Exempel lieferte, ist nur allzu häufig ich-bezogen. Chemie-Ingenieur, der Beruf, zu dem man ihn ausgebildet hatte und der ihn befähigen würde, in seinen späteren Büchern wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich und klar darzustellen, blieb er nicht lange; er wollte Schriftsteller werden, Dramatiker, Romancier; aber zuerst kam die Beschäftigung mit dem Handwerk; er arbeitete als Reporter, zuerst in Wien, dann in Deutschland, schrieb Drehbücher für Unterhaltungsfilme; doch zeigen bereits die frühen Texte - veröffentlicht in einer Illustrierten - Merkmale seiner späteren, meisterlichen Produktionen: den perfekten Aufbau der Story, welcher die Spannung erzeugt; den realen Hintergrund des Leidens, aus dem die moralische Forderung sich ergibt, Abhilfe zu schaffen; die Ironie und den überlegenen Witz, welche den Leser verlocken, sich dem Wort und dem Sinn des Autors anzuvertrauen. Literarische Courage - was ist das? Das ist der Mut, den einer braucht zu dem Wagnis, ein großes Thema mit einer weit ausholenden Fabel in Angriff zu nehmen samt allem, was das kostet an Recherchen und eigenem Einstieg des Autors in das Geschehen, an Proben und Überprüfungen, an Begegnungen mit Personen, deren Herzenswunsch es keineswegs immer sein muß, einem Schriftsteller vertrauliche Auskünfte zu geben.Die Gefahren, in die der Erzähler in mehr als einem der Romane Simmels gerät, sind durchaus nicht immer und ausschließlich reine Erfindung; so zahlreich seine Fans auch sein mögen, so wenig populär ist er bei einigen derer, die er in dem einen oder anderen seiner Bücher angeprangert hat.Simmel ist ein außerordentlich fleißiger und sorgfältiger Rechercheur, und man kann sich darauf verlassen, daß dort, wo technische, wissenschaftliche, ökonomische, politische Fragen in den Vordergrund seiner Bücher treten - und in welchem seiner Romane täten sie das nicht? - seine Informationen zuverlässig und auf dem letzten Stand sind. Und die politische Courage? Man nenne mir noch einen Autor, der so wie er in seinen auch im Wortsinn großen Romanen sich mit so vielen der heißen Themen unseres Jahrhunderts auseinandergesetzt hat - und immer furchtlos, immer fair, immer die gerechte Sache vertretend.Wer einen von Simmels dickleibigen Bänden mit den weithin erkennbaren Titeln in die Hände nimmt - Titel, bestehend aus ein paar markanten Worten, einem kurzen Spruch vielleicht, schräg auf die Schutzumschläge gepinselt in lauten Farben -, der weiß, daß dieser Autor ihn nicht unberührt lassen, daß er ihn zwingen wird, Stellung zu nehmen, zumindest in seinem Herzen: Stellung etwa zu den Verbrechen der Nazis und der Bedrohung durch deren Nachfolger heute; zum Terror der neuen Rechten; zur Verkrüppelung des menschlichen Geistes durch die Massenmedien; zu Drogen und Drogenhandel; zu den neuen, immer schrecklicheren Waffen in immer neuen Kriegen; zu den Spielen, den mörderischen, der Geheimdienste; zu der Profitjagd der multinationalen Gesellschaften und deren Währungsgeschäften; zu den Gefahren der Gen-Manipulation und dem Elend kranker Kinder; zu der Zerstörung unsrer Erde durch die Dummheit und Rücksichtslosigkeit von Industrie und Regierungen. Es ist die innere Beteiligung des Lesers, bewußt provoziert durch den Autor, die seine Bücher zu Bestsellern werden läßt.Insofern ist es auch kein Wunder, daß lange Jahre hindurch weniger mutige, und weniger erfolgreiche Kollegen zusammen mit einem ganzen Troß von Feuilletonisten und Germanisten ihm und seinen Büchern das Etikett Kolportage aufgeklebt haben, in der Hoffnung, daß die Besseren und Vornehmeren unter den Kunden in den Buchläden vor einer derart gekennzeichneten Waren zurückschrecken würden. Der Mann ist links, zugestanden, auch von ihm selber.Aber links und erfolgreich: das ist nicht zulässig, da muß das verdammende Wort Klischee in Anwendung gebracht werden und eben jener Begriff Kolportage, Tochter der berühmten Kategorien U und E, mit welchen die deutsche Literaturwissenschaft ihre Adepten ausgerüstet hat. U steht meines Wissens für Unterhaltend, E für Ernsthaft, oder sollte es eher Elitär heißen? Jedenfalls ergibt sich aus dem Buchstabenspiel, daß ein Werk, welches seinen Leser auch unterhält, nicht als ernst gelten kann, und umgekehrt, ein ernsthaftes Stück Literatur langweilig sein muß - eine Logik, die es weder im angelsächsischen noch im gallischen Denken gibt.Folge dieser Art von Betrachtung ist, daß die deutschen Bestsellerlisten von ausländischen Namen wimmeln, und für den deutschen Autor Johannes Mario Simmel bedeutet sie, daß er sich fast bei jedem seiner Werke gegen das literarische Establishment hierzulande durchsetzen mußte - siegreich, gewiß; doch machte ihn das nicht beliebter in den höheren Sphären des Feuilletons. Doch sind persönliche Äußerungen Simmels zu Fragen seines Handwerks, oder der Politik, Moral, Finanz, oder gar der Religion eher selten; meistens bringt er die eigenen Meinungen in Schilderungen von Zuständen zum Ausdruck, die zu den stärksten, weil bestrecherchierten Abschnitten in seinen Romanen gehören, oder in der direkten oder indirekten Rede der Charaktere seiner Romane.Wenn derart Methoden vom Establishment als Kolportage bezeichnet werden, dann kann man nur erwidern: Mehr solcher Kolportagen, bitte! Wie er denn überhaupt es liebt, real existierende Menschen mit den erfundenen Charakteren seiner Bücher zusammentreffen zu lassen - Admiral Canaris oder Josephine Baker fallen mir da ein aus Es muß nicht immer Kaviar sein - aber ebenso oft oder noch öfter erkennt man im Kostüm eines seiner fiktiven Charaktere notdürftig verhüllt die wirkliche Person aus seinem Leben, die er da nachgestaltet.Ein Beispiel: der Autor Faber, der an einer Schreibhemmung leidet und am Beginn des Romans Träum den unmöglichen Traum auf einer Klippe über der Küste des Atlantik sitzt und die Pistole, mit der er sich zu erschießen plant, schon in der Hand hält, glaubt plötzlich die Stimme seiner verstorbenen geliebten Frau zu hören - dieser Faber ist deutlich er selber, und die fiktive Bindung zu der Toten ist nicht nur Produkt dichterischer Phantasie. Ähnliches läßt sich auch sagen über die Nähe von Wirklichkeit und Erfindung bei seinen Handlungselementen; wie oft habe ich mich bei dem oder jenem Punkt seines Plots, bei der oder jener Wendung in seinen Romanen gefragt: Hast du so etwas nicht auch gerade erlebt, oder vor kurzem davon gelesen im Blatte, oder es gesehen in der vorletzten Nachrichtensendung? Nein, er hat jene besondere Szene, die ich wiederzuerkennen glaube, nicht kopiert, jenen Charakter in seinem Buch, der mir so vertraut erscheint, nicht abgeschrieben; ein Simmel plagiiert nicht, oder höchstens vom Leben.Die Stärke dieses Balzac unserer Zeit ist es ja justament, daß er so dicht an der Realität ist, so dicht am Leben, und daß er einen zwingt, dieses Leben mit seinen Augen zu betrachten, seinen Fingerspitzen zu ertasten, seinen Gedanken zu analysieren.Und mit seinen Kochrezepten abzuschmecken! Welch herrlich-groteske Idee, durchaus überprüfbare Kochrezepte als fördernde Momente in die Handlung einzuführen, und hinzuzufügen, welche Wirkung die betreffenden Gaumenfreuden auf die Handlungsweise der auf diese Art abgespeisten Damen und Herren hatte! Auch Sex wird benutzt, in seinen früheren Büchern häufiger noch als in seinen späteren, und untermauert die Realitätsbezogenheit seiner Stories, und oft genug haben wir die gerunzelten Stirnen der namhaften Kritiker gesehen und das teils empörte, teils bedauernde Schnalzen ihrer Zunge uns anhören müssen, wenn sie auf die betreffenden Stellen anspielten; aber seit wann, frage ich, ist lebhafter Sex illegitim in der Literatur, seit wann ist er Grund für ein allgemeines Naserümpfen von wegen Trivialität und dergleichen? Es muß nicht immer Kaviar sein demonstriert aber nicht nur das enge Verhältnis von Wirklichkeit zu dichterischer Erfindung bei Simmel, sondern ebenso seine beneidenswerte Fähigkeit zu "plotten", um das amerikanische Wort hier zu benutzen, also die Knackpunkte seiner Erzählung miteinander zu verknüpfen.Nie habe ich bei ihm je gefunden, daß eine Person, wie untergeordnet sie auch gewesen sein mochte im Kontext des betreffenden Buches, oder der Faden einer noch so minderen Nebenfabel in der Luft hängen geblieben wäre.Bei aller Lust am Fabulieren, die bei ihm deutlich erkennbar, bei aller Neigung zum Außerordentlichen, zum Abenteuer, läßt er den Leser, der zum Anfang auch das gehörige Ende erwartet, nie im Stich. Manchmal habe ich mich gefragt, ob die Simmelschen Bücher die vorläufig letzten in der Serie der Abenteuerliteratur sind, jener langen Reihe, die das Publikum schon der öffentlichen Erzähler in den Toren der altgriechischen Städte fesselte und die im nahen und fernen Orient ebenso zu finden ist wie bei den Cowboys des amerikanischen Mittelwestens.Tatsächlich könnte man eine solche Klassifizierung der Werke Simmels auch vertreten, wenn nicht bei ihm soviel anderes hinzukäme: das geschichtliche Interesse - hier ist ein Zeitzeuge par excellence -; die knappe, konzise Dialogführung; die der Technik der amerikanischen Erzählweise entnommene Pointierung; und vor allem sein soziales Engagement. Und er ist absolut frei von jener Kardinalsünde, die sich selbst bei anerkannten und allseits hochgepriesenen Mitgliedern unsrer Gilde mehr als gelegentlich einschleicht: der Langeweile.Es müßte einer schon sehr müde sein, wenn ihm bei der Lektüre eines Bandes von Simmel die Augen zufielen; mich hat er immer lange nach meiner Schlafenszeit noch gefesselt: so dramatisch geht es bei ihm zu, und - auch dies ist eine Simmelsche Spezialität - da sind seine Überraschungseffekte, die den Leser immer wieder aufschrecken lassen und zugleich die Handlung in ständig neuer Richtung vorantreiben. Immer wieder zeigt sich, mit welcher Hartnäckigkeit der Autor Simmel seine humanen, pazifistischen Bestrebungen in seiner Prosa vertritt.Ja, er ist, ich bestätige das, was man heute so gerne als "Gutmensch" bezeichnet, und ein Teil der Ressentiments, die ihm gegenüber im Schwange sind, erklären sich gerade aus dieser seiner Haltung. Natürlich könnte ich mich nun daran machen, auch Fehler bei ihm finden - unnötige Wiederholungen, zum Beispiel, bei der Schilderung des Schnitts der Augen oder der Busenform seiner Frauengestalten und derlei Details, die eigentlich der Lektor seines Verlags mit ihm geregelt haben sollte.Aber alles Kritische und ihm Abträgliche, was sich über den Mann und seine Bücher sagen ließe, ist im Verlauf der Jahrzehnte bereits gesagt worden; ich brauche mich diesem Chor nicht anzuschließen; was mich betrifft, ich bin einfach froh, ein Zeitgenosse des Johannes Mario Simmel zu sein und, wenn Sie mir die Feststellung gestatten, zugleich sein persönlicher Freund. Stefan Heym hielt diese Rede im Rahmen der Festwochen-Reihe "Die einen über die anderen" gestern in der Berliner Schaubühne. 

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