Zeitung Heute : Mehr Spaghetti für Pavarotti

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Wir befinden uns im Krankenhaus von Modena / Emilia Romagna. Genauer gesagt: auf der Entbindungsstation. Noch genauer: vor dem Kreißsaal. Es ist halb fünf Uhr morgens. Zu beiden Seiten der Schwingtür sitzen Luciano Pavarotti, genannt Big P., und sein New Yorker Ex-Manager Herbert Breslin. Breslin gestikuliert, Pavarotti, im offenen Versace-Bademantel, schlürft eine heiße Hühnerbrühe. Drinnen bringt seine Lebensgefährtin Nicoletta Mantovani, 32, gerade Zwillinge zur Welt. Ab und zu eilt eine Schwester in Nonnentracht vorüber.

Breslin: Und dafür, dass Du hier hockst wie tausend andere kleine Italiener und es doch nicht aushältst und Dich weit weg wünschst, hinaus auf die Balsamico-Plantagen oder, ha, unter Mamas Rockschoß WIE TAUSEND ANDERE KLEINE ITALIENER, dafür lässt Du die ganze weite Welt im Stich?

Big P. (schlürft laut): Bin kein kleiner Italiener.

Breslin: Luciano, noch einmal zum Mitschreiben: Ein Tenor ist einer, der singt. Und wenn er nicht mehr singt, weil er nicht mehr singen kann oder will oder was, dann ist er kein Tenor mehr. Capito? Ein Tenor aber, der kein Tenor ist, weil er mit 68 lieber seinen zweiten Vaterfrühling feiert, der braucht auch keinen Manager. Weil: Solange der Tenor nix singt, hat der Manager nix zum Managen. Okay?

Big P. (kippt den Rest der Brühe in die Yucca-Palme hinter sich): Schmeckt nich.

Breslin: Luciano, kurz und gut: Ich sehe mich gezwungen, unsere vielen Erfolge, die schöne Kohle, Rom, Los Angeles, Paris, Placido, José, Dir hier und heute, nach 35 Jahren im Namen von Breslin&Co. - zu kündigen.

Big P. (kreidebleich): Ich glaube, ich krieg’ Hunger.

Aus dem Kreißsaal ertönt ein erster markerschütternder Schrei.

Big P. (mit roten Flecken im Gesicht): Erberto, amico, ich habe das hohe C nicht immer gekriegt und an der Met den Cavaradossi abgesagt, aber Mama und Papa, dio mio, die waren 74 Jahre zusammen, und früher war ja sowieso alles anders, meine drei Bambini aus erster Ehe, da musste ich nich groß mit dabei sein, die waren einfach irgendwann da, und das Konzert mit Placido und José, das holen wir nach, 28. September, Schottenstein Center, Columbus/Ohio … Erberto, amico – was mach’ ich jetzt bloß?

Während aus dem Kreißsaal ein zweiter markerschütternder Schrei ertönt und Breslins Handy klingelt, öffnet sich die Schwingtür.

Schwester in Nonnentracht: Maestro, auf uns beide wartet in der Küche eine superleckere Zwillingsportion Spaghetti Bolognese. Wollen wir?

Big P.: Au ja. Au fein. Mi-mi-mi.

Breslin (am Handy): Wer? Pava-was? Kenn’ ich nicht. Nie gehört. Nein, Breslin&Co. macht nicht in Tenören. Schon lange nicht mehr. Sorry.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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