Zeitung Heute : Mehr Spaß, bitte!

ISABEL HERZFELD

Markus Groh spielt französische Klaviermusik im SchauspielhausISABEL HERZFELDErst in den Zugaben schien er ganz zu sich selbst zu finden: die "Aria" aus Schumanns fis-moll-Sonate spielte Markus Groh so traumverloren-konzentriert, eine Jazz-Etüde von Ervin Schulhoff so pfiffig-frech, daß der berühmte Funke endlich übersprang.Vorher tat sich der junge shooting star dieser Saison bei seinem "Pariser Klaviermusik um Heinrich Heine" genannten Abend im Schauspielhaus schwer mit persönlichem Ausdruck, ließ - auch wenn alles "stimmte" - immer einen unbefriedigenden Rest an übergroßer Distanz und Kontrolle.Dabei bedürfen die Virtuosenstücke, die Heine in den Pariser Salons hörte und mit bewunderndem Spott feuilletonistisch kommentierte, des Überschwangs und der verspielt-ironischen Pointierung.Darum bleiben die "Six valses brillantes" von Sigismund Thalberg trotz präzise abschnurrenden Passagenwerks ein wenig trocken, atmet das "Rondoletto" von Friedrich Kalkbrenner nicht den Charme von unschuldiger Trivialität und Zirkus-Verrücktheit.Aus dem bunten Strauß von Chopin-Stüêken ragt das federleichte As-Dur-Impromptu, der kraftvoll geschliffene F-Dur-Walzer hervor.Ansonsten ist die Nocturne-Kantilene, der die reiche Piano-Palette fehlt, einfach zu "gesund", der Forte-Zugriff zu kompakt: der Oktavdonner des cis-moll-Scherzos klingt nach Brahms.Weniger der Klang in seinen Schattierungsmöglichkeiten scheint Groh zu interessieren als die solide Struktur, die er mit Klarheit und Geschmack, mit Gespür für Rhythmus und flexible Tempi erfüllt.Ein guter Beethoven-Spieler könnte er sein.An Liszts "Paganini"-Etüden besticht zunächst die zweifelsfrei souveräne, dabei nicht angeberische Bewältigung horrender Schwierigkeiten; der Klang bleibt weich und rund.Darüber hinaus die Plastizität der Gesten, von nun doch theatralischer, lyrischer, nostalgisch-meditativer Qualität.Im "Andante capriccioso" Es-Dur (Nr.2) prickeln die Girlanden über sorgsam abgetönten Akkorden. Vielleicht sollte Groh sein stupendes Können und seine Sensibilität aufmuntern mit der Devise eines anderen Markus (selbstredend auch auf anderem Niveau): "Ich will Spaß"! 

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