Zeitung Heute : Mein bisschen Frieden

Sie leben seit Jahren in Berlin: der Automechaniker, der Schriftsteller und die Apothekerin. Trotzdem werden sie die Angst nicht los. Denn ihre Heimat ist der Irak, und sie vermuten Saddams Leute überall. Was halten sie vom Krieg?

Stefanie Flamm

Von Stefanie Flamm

Es gab sicherlich einmal eine Zeit, in der Awni Karourni geglaubt hat, dass er sich mit der irakischen Baath-Partei würde arrangieren können. Anfang bis Mitte der siebziger Jahre muss das gewesen sein. Nach dem Putsch von 1968 hatten die Baath-Leute die Kommunisten für kurze Zeit mit ins Boot geholt, ein Bündnis mit den Kommunisten geschlossen und ihn, Karourni, hatte man 1971 mit einem Stipendium nach Ost-Berlin geschickt. An der Humboldt-Universität arbeitete er dann fünf Jahre an seiner Dissertation über „Spezifik und Funktion des arabisch-irakischen Theaters unter besonderer Berücksichtigung der Klassenfrage“. Doch als er 1967 nach Bagdad zurückkehrte, war die Klassenfrage unter Berücksichtigung von Saddam Husseins Herrschaftsinteressen fast schon entschieden. Und wenn Karourni heute sagt, der Irak funktioniere wie „die DDR“ meint er das nicht mehr als Kompliment. Es ist eher der Versuch, den Deutschen ein Gefühl für die Stimmung in dem Land zu vermitteln, das er 1991 zum zweiten Mal verlassen hat – diesmal für immer, ohne Taschengeld, ohne Unterstützung, aber mit der Hoffnung, im Ausland ein neues Leben zu beginnen.

Warum er seinen Lehrstuhl für Theaterwissenschaft an der Universität von Bagdad aufgegeben hat, sagt er nicht, auch nicht, ob er freiwillig gegangen ist oder geflohen. Seine Geschichte bleibt im Vagen. Wie die meisten der irakischen Asylanten hat er auch in Berlin noch vor irgendetwas Angst. Viele wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. Saddams Botschaft in Bonn lese mit, sagen sie. Awni Karourni glaubt sogar, dass sie mithört. Selbst in der Kantine von Karstadt am Leopoldplatz, wo es so laut ist, dass einem nach einer halben Stunde schon die Ohren surren, spricht er deshalb gelegentlich in Rätseln.

Schnauzbart in Weiß

Er trägt einen farblosen Wollpullover und wartet auf einen Freund. Vor ihm steht ein Becher Kaffee, in den er soeben den Inhalt eines halben Zuckerstreuers versenkt hat. Am Nebentisch präsentieren sich zwei Frauen, von denen die eine sehr blond und die andere sehr rothaarig ist, gegenseitig ihre Errungenschaften aus der Kosmetikabteilung. Ansonsten sieht man hier viele akkurat gestutzte Schnauzbärte mit den Symbolen orientalischer Männlichkeit im Schritt: große, durchsichtige Handytäschchen, aus denen es in allen erdenklichen Tönen klingelt, wummert und bimmelt. Awni Karournis Schnauzbart ist weiß, obwohl er noch keine 60 ist. Wenn von Saddam Hussein oder George Bush die Rede ist, zittert sein stoppeliges Kinn vor Erregung. Und es geht meistens um Bush oder Saddam und den Krieg, den sie wahrscheinlich bald gegeneinander führen werden.

Die in Berlin lebenden Iraker haben fast kein anderes Thema. Der Krieg verbindet sogar, die die schon lange hier sind und einen deutschen Pass haben, mit denen, deren Asylantrag noch nicht entschieden ist. Er verbindet den Chemieprofessor an der TU mit dem Automechaniker in Tempelhof, die kurdische Apothekerin mit dem ehemaligen kommunistischen Partisanen, den atheistischen Schriftsteller mit der Frau, die den Schleier trägt. Die Etablierten im alten Westen umtreibt die gleiche Sorge, wie die Neuankömmlinge, die dort wohnen, wo es am billigsten ist, in Tempelhof, Neukölln oder Wedding. Sie fürchten den Tag, an dem es los geht, wie das Jüngste Gericht. Denn sie wissen nicht, was danach kommt. Die Hölle auf Erden oder doch endlich eine Regierung, die die Verhältnisse in ihrem Land wieder ins Lot bringt?

Abends, wenn er Bush, Rumsfeld und Powell im Fernseher sieht, fragt der Chemieprofessor sich manchmal, was das für Menschen sind, die sich anmaßen, ein Land und seine Einwohner aufgrund von Vermutungen und Indizien, aber ohne konkrete Beweise zu bombardieren. Gleichzeitig weiß er, dass dieser Krieg dem Regime gelten wird, das ihn aus dem Land gejagt hat, und das heute Züge der Sowjetunion der dreißiger Jahre trägt. Wie der Theaterwissenschaftler Karourni kam der Chemieprofessor mit einem Regierungsstipendium nach Berlin, und zwar in den Westen. Doch als er 1978, frisch promoviert, nach Bagdad zurückkehren wollte, um am Aufbau der irakischen Industrie mitzuarbeiten, wurde ihm der Pass entzogen. Er hatte sich in der Studentenbewegung gegen die Baath-Partei engagiert.

Seitdem sieht er seine beiden Brüder nur noch in Jordanien. Weil seine Brüder gegen den Krieg sind, ist auch er eher dagegen. Karourni ist eher aus Prinzip gegen den Krieg. Solange der Irak Öl hat, werde Krieg dem Land nie Frieden bringen. Auch die Amerikaner würden sich ihren Sieg bezahlen lassen. Dass die versprochene Demokratie dann im Preis inbegriffen sein wird, glaubt er nicht. Awni Karourni hat Goethe, Schiller und das Gesamtwerk von Bertolt Brecht und Heiner Müller ins Arabische übertragen. Er war ein Vertreter des westlichen Humanismus im orientalischen Willkürstaat, sagen seine Freunde, ein letzter aufrechter Linker in einem Regime, das sein Land und seine Leute für Privateigentum hält. Doch wenn man nach einem Gespräch mit ihm seine Aufzeichnungen durchschaut, liest sich das, als wäre man tief in Marzahn bei einer Seniorengruppe der PDS gewesen. Er spricht vom Klasseninteresse, die Saddam und den Westen lange zusammengeschweißt haben, vom Öl, das die Amerikaner getrunken haben, von der Rückständigkeit, der Geißel der arabischen Welt, und von der Religion, dem Opium des Volkes, das die Herrschenden kostenlos an die Armen verteilen, um ihnen das Hirn wegzublasen. Unter vorgehaltener Hand und mit zitternde Unterlippe vertraut er einem sogar an, dass Saddam ein Agent der Vereinigten Staaten sei. Die Beweise: Donald Rumsfeld hat ihm zwischen 1984 und 1986, als er den Vereinigten Staaten in ihrer Iran-Politik nützlich war, dreimal die Hand geschüttelt. Der Antiamerikanismus der islamischen Welt, den Saddam für seine Zwecke instrumentalisiert, ist offenbar auch das Vermächtnis seiner Gegner, der arabischen Linken. Sie glauben nicht, dass die Vereinigten Staaten etwas anderes umtreiben könnte, als die Interessen des globalen Kapitals. Und letztlich ist der drohende Krieg im Nahen Osten ja eine Glaubensfrage. Niemand weiß, was wirklich auf dem Spiel steht, und was gewonnen werden kann. Auch diejenigen, die für den Krieg sind, leitet vor allem die Hoffnung.

Sprichworte statt Argumente

Der Schriftsteller Zuheir El-Hetti kennt ein Sprichwort. „Wenn das Geschwür nicht mehr zu heilen ist, muss man es ausbrennen." Die Überlebenschancen für den Irak stünden 50 zu 50, sagt er. „Man muss es versuchen, schlimmer wird es nicht.“ In Bagdad war Zuheir Schriftsteller, jetzt ist er Koch. Westlich von Berlin, hinter den Schrebergärten von Potsdam, in einem Dorf, wo die Häuser nur noch zwei Stockwerke haben, backt er fünf Tage die Woche Pizza. Heute Morgen hat er den Teig für den ganzen Tag gerührt. Das Mehl klebt noch an seinem Bauch, der unter einem weißen T-Shirt über den Gürtel quillt. Jetzt schneidet er Wurst in kleine Streifen, die er dann auf einem Haufen Eisbergsalat verteilt. Dazu kommen rote Bohnen aus der Dose, Mais, Käse und so viel weiße Soße, dass der Deckel nicht mehr auf die Schüssel für „Salat mexicana" passt.

„Im Irak habe ich nie selbst etwas zu Essen gemacht“, sagt Zuheir. Im Irak ist Kochen Frauensache. Er sieht das nicht mehr so eng. Und er hat auch keine andere Wahl. Doch damit er nicht vergisst, wer er einmal war und wer er vielleicht wieder sein könnte, trägt er sein letztes Buch immer bei sich. Es heißt „Die Taube von Bagdad" und handelt von irakischen Flüchtlingen, die sich, kurz bevor sie den Nahen Osten für immer verlassen, in einem jordanischen Reisebüro treffen und einander ihre Geschichten erzählen. Wahrscheinlich ist auch Zuheirs eigene Geschichte dort irgendwie eingeflossen und vielleicht erzählt Zuheirs Roman, der bisher nur auf Arabisch erschienen ist, auch, was keiner der 5000 in Berlin lebenden Iraker erzählt – wie man es anstellt, dem irakischen Geheimdienst zu entkommen, wie man überhaupt rauskommt aus diesem Land, wer einem dabei hilft und woher das Geld für die Flucht stammt. Ohne diese Informationen ist auch Zuheirs Geschichte ziemlich kurz. Er hat Anfang der neunziger Jahre ein Theaterstück über einen arabischen Potentaten geschrieben, der in vorislamischer Zeit sein Unwesen trieb. Aber die Anspielungen auf die Gegenwart blieben dem Zensor nicht verborgen. Es gab „viel Krach" und Zuheir hatte „viel Angst". In der Fremde wird aus dieser Angst Misstrauen. Fällt im Gespräch ein Name, den die anderen nicht kennen, wird solange herumtelefoniert, bis klar ist, dass er „sauber“ ist. „Es könnte ja sein, dass Sie einem Agenten aufgesessen sind“, sagt die Apothekerin Galawesch Al-Jaaf-Golze. Sie sitzt im Hinterzimmer ihres Geschäftes in der Kantstraße. Auf ihrem Computer flimmert die Maske des Auktionshauses E-Bay. Auf ihrem Sofa lümmelt sich ein junger Mann mit langen dunklen Locken und einem riesigen Mick-Jagger-Mund. Er heißt Adel. Hinter seinem Rücken hängen dicke, dunkle Teppiche an der Wand, neben Frau Golzes Schreibtisch eine große Karte des Irak. In ihrem Bücherregal, bei den Abrechnungen der Apotheke, steht wahrscheinlich jedes Buch, das über Saddam Hussein geschrieben wurde. Gelawesch ist Kurdin und wie alle Kurden ist sie für den Krieg und für die Amerikaner. Sie vertraut ihnen, seitdem Madeleine Albright 1998 ein Abkommen zwischen den beiden zerstrittenen kurdischen Parteien ausgehandelt hat. Letztes Jahr tagte ihr Regionalparlament erstmals wieder im Nordirak. Den Kurden gehe es gut, sagt die Apothekerin. Sie hätten quasi die Autonomie. Warum soll es den irakischen Araber nach der amerikanischen Invasion schlechter gehen? „Dieser Schröder soll eine Alternative entwickeln“, sagt Gelawesch Al-Jaab-Golze. Auch sie hat Sorge, dass der Preis für den Sturz Saddams hoch sein könnte. Aber auch sie glaubt, dass es schlimmer als im Moment nicht werden kann.

Männer ohne Väter

Drei Millionen Menschen sind seit dem letzten Krieg an Hunger, Repression und Folter gestorben. Wie viele Menschen noch in den Gefängnissen sitzen, wie viele täglich einfach verschwinden, weiß kein Mensch. Saddam, sagt Frau Golze, sei der Teufel, und ein Produkt der intoleranten orientalischen Gesellschaft. „Er war ein uneheliches Kind, und die werden bei uns behandelt wie der letzte Dreck." Die Energie, die diesen Mann antreibe, sei vor allem Hass. Alle Mitglieder der republikanischen Garde seien ebenfalls Kinder, die ihre Väter nicht kennen, sagt Frau Golze.

Auch ihr Sohn kennt seinen Vater nicht. Sie ist 1973 vor ihrem Mann geflohen, weil er sie misshandelt hat, und sie als geschiedene Frau Schande über die Familie gebracht hätte. Sie ging nach Deutschland, schrieb eine Doktorarbeit und heiratete noch einmal. Weil es für Chemikerinnen damals noch keine Halbtagsstellen gab, sattelte sie mit fast 40 Jahren noch auf Pharmazie um. Gelawesch Al-Jaaf-Golze ist eine Powerfrau mit dem Resonanzkörper einer italienischen Mama. Im Hinterzimmer ihrer Apotheke hilft sie irakischen Flüchtlingen beim Papierkram. „Gelawesch ist Mutter Teresa", sagt der Mann mit dem Mike-Jagger-Mund. Acht Jahre hat er im Nordirak als kommunistischer Partisan gegen das Baath-Regime gekämpft. In Berlin wäscht er im einem arabischen Restaurant in Mitte die Teller. Dem Besitzer hat er angeblich im Kampf einmal das Leben gerettet. Aber das zählt jetzt nicht mehr. Im Asyl ist es zuweilen wie nach der Revolution. Die, die einmal oben waren, sind jetzt dem Boden ganz nah. Ehemalige Professoren hocken in stinkenden Kantinen, Schriftsteller stehen am Ende der Welt in einer Imbissbude, orientalische Männer kochen.

Doch es sind nicht nur die Angehörigen der aufgeklärten, aufmüpfigen irakischen Mittelschicht, die in den letzten zehn Jahren versucht haben, in Berlin ein neues Leben zu beginnen. Auch viele einfache Leute, die nicht so tief fallen konnten, weil sie immer schon ziemlich weit unten waren, sind ins Ausland gegangen. M.O. ist einer von ihnen. Zusammen mit ein paar Freunden trinkt er in einem Büro unter der Autobahnbrücke von Tempelhof Kaffee. Dass er weggegangen ist, hatte angeblich nur etwas mit den Ersatzteilen zu tun. Er erklärt es so: „Also ich bin Automechaniker, und ein Kunde von mir braucht eine neue Kurbelwelle. Ich bekomme aber keine, einen Monat nicht, ein Jahr nicht. Dann steht das Auto bei mir herum, der Kunde ist sauer, und ich habe keinen Dinar verdient.“ So ging das mehrere Jahre. Zuerst fehlten die Kurbelwellen, dann der Reis. Bald gab fast keine Medikamente mehr und nur noch zwei Stunden Strom am Tag. Weil das Chlor, mit dem das Wasser desinfiziert wurde, auch auf der Embargo-Liste steht, brachen Seuchen aus.

Die Intellektuellen mögen darüber streiten, wer Schuld ist, dass heute 70 Prozent der irakischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Die Amerikaner, die das Embargo verhängt haben oder Saddam, dessen Politik ihnen Gründe dafür geliefert hat. Im Büro der Autowerkstatt in Tempelhof spielt das keine Rolle. Für den Automechaniker M.O. ist das alles „Politik“. Und „Politik ist, wenn ein einfacher Mann wie ich nichts versteht." Aber zum Krieg hat auch er eine Meinung. Krieg ist, „wenn jede Familie einen Sohn verliert“. Der 34-Jährige hat, wie alle Männer seiner Generation, in beiden Golfkriegen gekämpft, zuerst gegen den Iran, dann gegen Kuwait und die Vereinigten Staaten. Seine Brüder sind tot.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben