Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Blüten im Winter

Immer wenn es kalt wird, erkennt unsere Autorin, was sie wieder falsch gemacht hat. Und nimmt sich vor, für den nächsten Winter zu planen.

Ursula Friedrich

Von Ursula Friedrich

Vieles im Leben plant man falsch. Besonders im Garten. Jetzt, im Winter, weiß ich, was ich versäumt habe. Der Garten ist so kahl. Wenn Schnee liegt, stört einen das ja weniger. Aber bei normalem Wetter: eine trostlose Fläche, kahle Äste, mulchiges Gras. Der einzige erfrischende Farbfleck ist der Komposthaufen, den man im wärmeren Jahr nicht sieht. Jetzt zieren ihn Orangen- und Zitronenschalen, deren Farbe selbst bei bitterem Frost nicht verblasst.

Ich habe eine Zaubernuss, das schon. Noch dazu eine, die sehr schön blüht, jetzt, im Schnee. Sie steht am Zaun und erfreut die Spaziergänger. Ich selber sehe sie vom Haus aus nicht, nur wenn ich auch spazieren gehe. Ich bin eine sehr nächstenliebe Gärtnerin, aber mit der Zeit geht mir das auf die Nerven. Ich möchte eine Zaubernuss (Hamamelis mollis) direkt vor meiner Terrasse, damit ich sie auf dem Sofa liegend bewundern kann. Warum nur habe ich nicht daran gedacht, als ich sie einsetzte?

Ich habe eine Art Jasmin, der jetzt im Winter ebenfalls blüht. An der Garagenwand. Im Grunde sieht ihn nur mein Nachbar. Er ist so nah an seinem Grundstück, dass er ihn auch riechen kann. Warum riechen eigentlich winterblühende Sträucher so köstlich? Beim besten Willen können sie doch damit keine Bienen anlocken. Ach, eine Biene möchte ich eigentlich schon manchmal sein. Ich stelle mir vor, wie gemütlich es in einem Bienenstock ist, wenn es draußen schneit. Alle schlafen. Wenn sie mal kurz erwachen, schlecken sie ein bisschen Zucker, den ihnen der Imker anstelle ihres Honigs, den er ihnen wegnimmt, spendiert hat, und ausschlafen, ausschlafen statt Schneeschippen und Split streuen.

Ich bin aber keine Biene. Ich bin eine ziemlich doofe Gärtnerin, die in jedem Winter erkennt, welche Mängel ihr Garten hat. Ein Garten soll zu allen vier Jahreszeiten schön sein. Dafür würde zum Beispiel ein Duftschneeball sorgen. Er steht in der kahlen Landschaft und schmückt sich manchmal schon im Januar mit zartrosa Knospen und Blüten. Sein Duft (Viburnum fragrans) ist süß und wunderbar und lässt einen, wenn man ihn mit geschlossenen Augen einatmet, an bessere Zeiten, an die Zärtlichkeit des Frühlings denken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist er in den Bergregionen West-Chinas entdeckt worden. Er hat eine sehr schöne lockere Form und wird zweieinhalb bis drei Meter hoch. Die Blüten erscheinen an den ratzekahlen Zweigen. Während er dann später verblüht, kommen die bronzefarbenen Blätter heraus, die sich saftig grün färben im Sommer und im Herbst leuchtend rot.

Schwer zu erklären, warum mir dieser herrliche Busch immer wieder aus dem Gedächtnis gerät, sobald Forsythien und Blutpflaumen blühen. Genau dann müsste man ihn setzen. Aber da ist der Garten ja wieder schön. Der Flieder blüht, der Apfelbaum, wer denkt da an den Winter?

Ich vergesse auch, daran zu denken, dass ein Spierstrauch im Winter, wenn er seine Blätter verloren hat, viele anmutige rote oder gelbe Zweige zeigt, also auch ein Schmuck ist. Im Sommer steht er eher langweilig da. Aber im Winter unterscheidet er sich von allem, was drumrum wächst. Dieses Jahr werde ich mich an ihn erinnern und nicht nur daran denken, was möglichst rasch und möglichst üppig und farbig blüht. Ich werde mich dran erinnern, dass es auch Winterschönheiten gibt. Genau die, die mir jetzt und in den nächsten Wochen noch so bitter fehlen.

Nächste Woche: Primeln.

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