Mein Garten EDEN : Das Gedächtnis der Raupe

Ursula Friedrich

Gestern habe ich den ersten Zitronenfalter des Jahres gesehen. Ich hatte eine dicke Strickjacke an und sah ihm zu, wie er selig in der kalten Mittagssonne umherflog mit seinen papierdünnen Flügeln. Schmetterlinge sind bekanntlich Sinnbilder von Leichtigkeit und Schönheit. Fällt einem schwer, sich vorzustellen, dass so ein Nichts an Gewicht und Wärme den ganzen Winter versteckt in einem Dornbusch überstanden hat. Nicht immer, manche erfrieren auch, aber dann spürt ihren Tod auch keiner. Jetzt im Frühling falten die Überlebenden ihre Flügel auseinander und legen an junge Blätter ihre winzigen Eier. Dann sterben auch sie. Ihre Kinder flattern erst wieder im Spätsommer herum.

Das Tragische an den Schmetterlingen ist, dass aus ihren Eiern Raupen werden. Manche sehen ganz schön aus, aber die meisten sind hässlich und schwarz, wie z.B. bei einem unserer schönsten Schmetterlinge, dem Tagpfauenauge. Raupen sind zu nichts anderem da als zum Fressen. Sie bestehen aus einer weichen fettigen Masse und haben kleine Beinchen. Aber sie haben auch ein Gehirn und ein Gedächtnis. Man kann Raupen dressieren.

Das hat ein Biologenteam der Georgetown University in Washington mit großer Geduld getan. Und dabei eine sensationelle Entdeckung gemacht! Aber zuerst mal haben sie die Raupen des Tabakschwärmers, eines ziemlich unauffälligen Schmetterlings, dem Geruch eines Lösungsmittels ausgesetzt. Wenn sie diesem Geruch gefolgt sind, bekamen sie einen Elektroschock. Muss für eine Raupe ziemlich unangenehm sein. Nach acht elektrischen Schlägen vermieden es die Raupen, dem Stoff nahe zu kommen.

Und nun das wirklich Aufregende: Die Raupen verpuppten sich ordnungsgemäß 20 Tage lang. Eine Metamorphose, die an sich schon unbegreiflich ist – wo nimmt die eklige fette Raupe in ihrer grauen Puppe die Farben der Flügel her, die zarten Schüppchen darauf, die wir beim Anfassen für Staub halten? Der Tabakschwärmer schlüpfte also aus seiner Umhüllung. Die Forscher kamen wieder mit ihrem Lösungsmittel daher. Und siehe da: Die Schmetterlinge mieden den Geruch sofort. Sie bewiesen ein Gedächtnis.

Im Wissenschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“ sagt der Biologe Douglas Blackiston, der das Experiment geleitet hat: „Wir können damit ein Problem erklären, mit dem sich Wissenschaftler seit über 100 Jahren herumschlagen. Warum legt ein Schmetterling seine Eier genau auf solche Pflanzen, auf denen er als Raupe gelebt hat? Die Antwort ist ganz einfach: er erinnert sich an den Geruch."

Man hat übrigens auch versucht, die Raupen durch positive Reize, z.B. einer Futterzugabe, abzurichten. Das gelang leider nicht. Negatives bleibt besser im Gedächtnis. Bei uns vielleicht auch?Ursula Friedrich

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