Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Das Herbstlaubproblem

Ursula Friedrich

Wenn ich mit meinem Hund im Wald spazieren gehe, breitet sich der goldbraune Teppich aus welken Buchenblättern auf allen Wegen aus. Weich für den Fuß, schön fürs Auge. Weniger gut für den Hund, denn in dem raschelnden Polster verbergen sich Zecken, die vor dem Winter noch mal volltanken wollen. Aber das ist nicht das Problem. Nein, in Wald und Flur ist der Herbst überhaupt kein Problem.

Aber im Garten. Die tapfere Gärtnerin kämpft bis zur Erschöpfung. So nämlich ist die Lage: Ich stehe mit dem Rechen auf meiner kleinen Wiese und reche. (Komisches Wort: reche.) Oder mit dem Besen auf den Wegen und kehre. Mein Orthopäde hat gesagt, beide Tätigkeiten gehen ins Kreuz. Und noch während ich Laubhäufchen mache, rieselt es sanft von oben. Man hält es nicht für möglich, wie viel tausend Blätter eine ausgewachsene Birke hat. Der Wilde Wein an der Hauswand, blurot und malerisch, sinkt lautlos hernieder. Ist das Wetter feucht, klebt das Laub zusammen. Ist es trocken und windig, bin ich völlig auf verlorenem Posten. Die einzige Hoffnung ist der Schnee, der deckt wenigstes alles am Boden zu. Aber wir haben ja erst Oktober.

Früher war alles klar: Ein nicht sauber gefegter Garten warf ein schlechtes Licht auf die schlampige Gärtnerin. Heute gibt es wenigstens eine ideologische Richtung, die im liegen gebliebenen Laub ein wunderbares Biotop für Igel, Schnecken, Blindschleichen Weberknechte, Ohrwürmer, Hornmilben, Doppelfüßler, Pseudoskorpione und Springschwänze sehen. (Ich folge einer Aufzählung aus der Zeitschrift "Kraut und Rüben").

Ich kann den Rechen in die Ecke stellen und mich als Tierfreundin ausgeben? Nein, auch nicht ganz. Vom Rasen muss das Laub weg, weil es ihn sonst erstickt. Von Wegen und Terrassen auch, weil man sonst drauf ausrutscht. Auf dem Staudenbeet darf es liegen bleiben, aber möglichst, nachdem man es klein gehackt hat, damit es schneller verfault und nicht die zarten Triebe und Zwiebelpflanzen im frühen Frühjahr niederdrückt.

Kleingehackt, gehäckselt, geschreddert. Dafür gibt es Spezialapparate, die nicht billig sind. So um 800 Mark liegt der Preis für eine funktionstüchtige Maschine. Setzen Sie bitte einen Ohrenschutz auf, rät die Gebrauchsanweisung. Von wegen stiller Herbsttag: Rechts und links von meinem Garten mahlt, donnert und pfeift es. Die Nachbarn schreddern. Wehe, wenn ein Steinchen oder ein dickeres Stück Holz ins Schredderwerk gerät. Schützen Sie Ihre Augen mit einer Brille.

Ich habe mich zu einem Dreistufenplan durchgerungen. Erstens: Von der Wiese entferne ich die Blätter, auch vom Weg vor der Haustür. Zweitens: Ich mache große Haufen für die Tiere unter Hecken und Bäumen mit tiefen Ästen. Unter Bäumen mit hohen Ästen bleibt das Laub nicht aufgetürmt liegen, sondern lässt sich vom Wind auseinandertragen. Drittens: Ich leihe mir von der Nachbarin einen Schredder für das Staudenbeet. Da muss ich allerdings die Blätter vorher sorgsam herauszupfen. Wenn ich mal Zeit habe, mach ich das. Bis jetzt übrigens sind die Narzissen auch unter der Laubdecke hochgekommen, still und leise und ungeschreddert. Aber vorschriftsmäßig, das sehe ich ein, vorschriftsmäßig ist es nicht.

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