Mein Garten EDEN : Der Duft des Schnees

Ursula Friedrich

Mir selber wäre es vielleicht gar nicht aufgefallen – wie gut mein Garten riecht, jetzt im Winter. Im Sommer riecht er nach Grün, nach Blumen und Schmetterlingen und nach Sonne. Das genieße ich sehr, wenn ich auf der Terrasse sitze, vor allem am Abend. Aber momentan schaue ich eigentlich nur hinaus, muss ich zugeben. Kürzlich hatte ich Besuch von einer Freundin aus der Stadt. Sie stieg aus dem Auto und brach in Entzücken aus: „Bei dir riecht es so wunderbar nach Schnee!“

Seither schnuppere ich. Jeden Morgen. Schnee hat tatsächlich einen starken Eigengeruch. Frischer Schnee riecht irgendwie nach allen Gerüchen der Kindheit. Tauender Schnee hat einen Beigeruch von Kardamom und – wie sagen doch die Weinkenner – einen leichten Abgang von Zimt. Wenn der Schnee ganz weg ist, mischt sich der Geruch von faulendem Laub mit einer erdigen Note. Habe ich das gut beschrieben? Baumrinde duftet nach Baumrinde, ganz fein und herb. Aber um das wahrzunehmen, muss man nicht die Augen, sondern die Nase öffnen. Man erfährt es wohl am ehesten, wenn man, wie meine Freundin, in München am Mittleren Ring wohnt, wo man die Nase besser dauernd zuhält – und dann auf einmal bei mir ist in meiner Vorzugsumgebung, in meinem Garten zwischen den anderen Gärten steht, in frischer Luft.

Für frische Luft brauchen wir mittlerweile Gebrauchsanweisungen, weil es nach allen Messungen Energieverschwendung ist, wenn wir zu viel frische Luft in unsere Gehäuse hineinlassen. Fünf Minuten das Fenster aufmachen, nicht länger. Dies aber jede Stunde, da durch die gedämmten Wände und Fenster kein anderer Austausch mehr stattfindet. „Verbrauchte Raumluft kann man auch von Hand erneuern“, entnehme ich der Zeitschrift „Das Haus“. Nach Plan allerdings und deshalb am besten durch automatische Spar-Lösungen. Man braucht dazu Wärmeaustauschrohre und Filter. Das gilt auch für mich auf dem Land, nehme ich zur Kenntnis. Ich soll die Terrassentüre nicht mehr beliebig aufreißen.

Frische Luft zum Atmen ist kostbar. Schlechte Luft kann tödlich sein, steht in meinem 200 Jahre alten Giftbuch. „Aus einem Gefängnis, wo es an Frischluft mangelte, wurden 1577 einige Missethäter vor Gericht geführt. Sowohl sämtliche Gerichtspersonen als alle um sie her versammelten Anwesende, fast 300 an der Zahl, wurden durch die Ausdünstungen der Gefangenen mit verpesteter Luft angesteckt und verloren sämtlich das Leben.“

Wir sollten also Besuch aus der Stadt zuerst in den Garten führen, damit das Kohlendioxid aus ihnen entweicht, bevor wir sie an unseren Kaffeetisch bitten. Und damit wir bei der Gelegenheit selber einmal merken, wie gut unser Garten riecht.Ursula Friedrich

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