Mein Garten EDEN : Der Sohn war der Gärtner

Ursula Friedrich

Ein Unkraut erschien in meinem Garten. Kannte ich nicht. Sternförmiges Blatt, hoher Stängel. Wegen der Knospen riss ich es nicht aus. Vielleicht kamen ja noch besondere Blüten. Es war jedenfalls schön grün und wuchs an unauffälliger Stelle. Dass wir den Spätsommer 1968 schrieben, da sah ich keinen Zusammenhang.

Bis mich ein Freund besuchte, der einen Sohn im Alter unseres Sohnes hatte. „Ziehst du das selbst?“ fragte er mich mit einem Blick in die Gartenecke. Er hatte so was in einem Blumenkasten auf dem Balkon vor dem Zimmer seines Sohnes gesehen. Als es immer üppiger wuchs und sein Sohn keine Ahnung hatte, nahm er einen Stängel mit in den Botanischen Garten, in dessen Nähe er wohnte. Das ist Hanf, bekam er als Auskunft, Cannabis. Mein naiver Freund guckte den botanischen Fachmann an. „Daraus wird Haschisch und Marihuana gewonnen“, hörte er. „Der Anbau ist verboten.“

Die Herkunft war dann schnell geklärt: Der Sohn war der Gärtner. Mein Freund sagte: „Frag doch mal den deinen.“ Immerhin, mein Sohn gab alles zu, weil sie nämlich angeblich den Hanf grade in Bio durchnähmen – als älteste Kulturpflanze der ganzen Welt, und auf dem Schulhof könne man die getrockneten Blätter und Knospen mit Gewinn verkaufen. Als Hasch – klar, warum? Aber es ist verboten! schrie ich. Er zuckte die Achseln. Er war 15, die erste Generation, die sich um Verbote nichts schiss, wie er sich ausdrückte.

Natürlich habe ich die Pflanzen ausgerissen. Rochen ziemlich nach nichts, bis auf die Blütenknöllchen, die so ein seltsames Aroma hatten. Das lernte ich etwas später bei den Pop-Konzerten kennen, zu denen ich eben denselben Sohn begleitete, weil er noch keinen Führerschein hatte. Diesen süßlichen Zigarettenrauch.

Als gründliche Mutter machte ich mich kundig. Cannabaceae wird tatsächlich seit Jahrtausenden als Faserlieferant und Nahrungsmittel angebaut. Außerdem ist es als Rauschmittel neben dem Wein die bedeutendste Droge der Menschheit, erfuhr ich. Gewonnen wird ein von den Blüten abgesondertes Harz. Die Pflanze gedeiht praktisch an jedem Standort und bei jedem Klima.

Hanf ist zweihäusig, es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Die Männchen mit ihren Staubblättern sind kleiner und anfälliger. Nach dem Abstoßen ihres Staubes gehen sie meistens ein. Die Weibchen sind kräftiger und widerstandsfähiger. Und liefern den Stoff.

Den Handel von meinem Terrain aus habe ich unterbunden. Aber in meiner Gartenecke stehen immer noch ein paar Hanfpflanzen. Sie verdecken eine Mauer, sie sind ein recht hübsches Kraut. Und anschauen wird man sie als Nichtraucherin wohl noch dürfen.Ursula Friedrich

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