Mein Garten EDEN : Der Ursprung der Familie

Ursula Friedrich

Pflanzen leben nicht gern allein. Sie sind gesellige Wesen, mögen in Gruppen beieinanderstehen und sich, stelle ich mir vor, miteinander unterhalten über dies und das, über die Erde, aus der sie wachsen, über das Wetter und die Welt. Manchmal kommt es mir vor, dass sie uns Menschen als Nebensächlichkeiten betrachten, weil sie schon so lange vor uns den Planeten bevölkerten. Das einzige, worüber sie froh sind, ist vielleicht, dass sie in uns Bedienstete haben, die die Schnecken von ihnen abhalten. Ich bitte darum, mir diese Spintisierereien zu verzeihen. Ich bin keine eilige Gärtnerin mehr, sondern eine, die viel Zeit hat für allerlei Beobachtungen.

Von der Rose zum Beispiel sagt man, dass sie sehr stolz ist und immer bewundert will sein, eine Königin. Aber sie lebt ganz offensichtlich auch lieber mit vielen Artgenossen zusammen. Wie sonst ließe sich erklären, dass meine vereinzelten Rosen nie so herrlich blühen wie die in großen Rosengärten. Zwei Wicken am Zaun – ein trauriges Ensemble. 20, ja, die übertreffen sich an Schönheit.

„Die Familie“, schreibt die Sachbuchautorin Annie Francé-Harrar, „ist nicht von den Menschen erfunden worden, sondern von den Pflanzen.“ Ein Kapitel in ihrem Buch „Ich, die Pflanze, lebe so“ handelt von einer vieltausendjährigen Familie mit Mitgliedern, die sich gegenseitig stützen und ernähren und zur Seite stehen. Sie haben, wie eine Familie, denselben Ursprung, leben nicht, wie manche andere Pflanzen, in Symbiose mit einer fremden Pflanze. Sie sind eine homogene Gruppe.

Die Rede ist von der Familie Torfmoos, Heimatadresse: Hochmoor unterhalb des Elbrus in Kaukasien. Das einzelne Exemplar ist schwach, hinfällig, mit einem fadendünnen Stiel, der ihm nicht erlauben würde, sich aufzurichten. Kräftige Wurzeln hat kein Mitglied, nur diesen schwächlichen Stiel, der allerdings metertief in den feuchten Untergrund reicht und das Wasser heraufpumpt. Die Familie bildet einen Filz, in dem keine Pflanze von der anderen zu trennen ist. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft – wie die menschliche Urfamilie, die auch nur gemeinsam auf der unwirtlichen Erde überleben konnte.

Es gibt viele wissenschaftliche Abhandlungen über das Torfmoos, über Stoffwechsel und Fortpflanzung – viel zu kompliziert, um von mir als Laie begriffen zu werden. Was mich fasziniert, ist diese Idee der Familie, die gegenwärtig auch bei uns Menschen wieder mehr ins Interessenfeld gerückt ist. Francé-Harrar: „Ein Moospflänzchen hätte keine Chance. Aber zusammen bauen sie eine ganze Welt auf. Es gibt kein Ich unter ihnen, nur ein Wir.“ Etwas zum Nachdenken im kalten Winter, ehe die Schneeglöckchenfamilien wieder aus der Wiese herauskommen.Ursula Friedrich

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