Mein Garten EDEN : Die Pflanze des Jahres

Ursula Friedrich

Zum Jahreswechsel ist es Sitte, einem besonders rasch aussterbenden Tier, einem seltenen Schmetterling, Ackerunkraut oder einer Edelrose die Auszeichung „... des Jahres“ zu verleihen. Ich mag diese Auszeichnungen eigentlich nicht. Dieses Mal habe ich mich aber beim Gang durch den öden Garten dazu entschlossen, eine ganz private Lobpreisung derjenigen Blume auszusprechen, die mir das letzte Gartenjahr über die meiste Freude gemacht hat. Es ist – viele von Ihnen werden sie bei sich im Garten haben, vielleicht ganz nebenbei, weil man sie gern vergisst – es ist die Kapuzinerkresse.

Wer redet schon groß von ihr. Aus vergessenem Samen vom vergangenen Sommer geht sie ganz beiläufig auf, an Stellen, an denen sie nicht sorgfältig beobachtet und begossen wird. Sie sucht sich ihren Standpunkt sehr gerne selber. Sieh da, im Halbschatten, und da rankt sie sich auch neugierig über den nebenan stehenden Buchs. „Unkraut!“, ruft mein Gartenhelfer Andi, und ich bin froh, dass ich das Auszupfen verhindern kann. Denn am Anfang hat sie ja nur Blätter, aber wie schön sind die, kreisrund, mit hellen Adern gezeichnet.

Es dauert nicht lang, bis die Knospen da sind, aparte Knospen wie stolze kleine Hahnenköpfe. Bevor sie sich öffnen, weiß man nicht, welche Farbe sie haben – brennendes Ziegelrot, sanftes Gelb, Weiß, manchmal alle Töne an einem Stengel. Die Blüten haben es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht: auf den Salatkompositionen der Spitzenköche, wo sie den exklusiven Farbtupfen bilden. Man kann sie nämlich essen. Ihre Knospen haben schon meine Großmutter begeistert. Sie hat sie möglichst klein abgezupft und in süßsauren Essigsud als billigen Kapernersatz eingelegt.

Die Kapuzinerkresse stammt aus Chile und Mexiko. Sie ist eigentlich eine Kletterpflanze, die sich bis zu zwei Meter an Zäunen und sich bietenden Stützen emporwindet. Wenn sie, wie in meinem Staudenbeet, keinen aufrechten Halt findet, schlängelt sie sich unbekümmert zwischen Phlox und Löwenmäulchen auf dem Boden dahin. Sie macht so gar nichts von sich her, braucht nicht viel Wasser und widersteht in geschützten Lagen auch dem ersten Frost. Im vergangenen Jahr hat sie bis in den November hinein ihr Feuer versprüht. Und jetzt kriegt sie den Bimbi erster Klasse.

Den Bimbi zweiter Klasse kriegt die am wenigsten beachtete Pflanze im Komposthaufeneck. Sie hat große, ausdrucksvolle Blätter, rote Stängel und hohe weiße Blüten. Man kann sie essen, solange sie noch nicht blüht. Aber wir mögen sie nicht: zu sauer. Die Blüte soll giftig sein. Trotz ihrer Schönheit reißt der Andi sie jedes Jahr heraus. Armer Rhabarber. Ganz herausnehmen tun wir ihn nicht. Er kriegt halt nur den Bimbi 2. Klasse, und vielleicht merkt er es gar nicht. Ursula Friedrich

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