Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Fleißiges Lieschen

Ursula Friedrich

Eigentlich halte ich von dem Prädikat "fleißig" nicht viel. Das beruht auf meinen Erfahrungen in der Schulzeit. Galt man bei den Lehrern als fleißig, wurde man von den Mitschülern verächtlich als Streberin eingestuft. Dumm und faul war eine abträgliche Bezeichnung, aber noch schlimmer war dumm und fleißig. Fleißig - das hat so was Mühevolles. In allen Märchen sind fleißige Leute arm, sie müssen sich dauernd abrackern fürs Notwendigste. Ameisen sind fleißig und unscheinbar, Bienen sind auch fleißig und einfältig, weil sie sich den Honig wieder wegnehmen lassen. Der König der Tiere, der Löwe, ist bewunderungswürdig faul und liegt die ganze Zeit in der Sonne.

Und nun zum Fleißigen Lieschen, der einzigen arbeitsamen Blume. Momentan steht ein Exemplar bei mir auf dem schattigen Fensterbrett im Schlafzimmer. Unermüdlich blühend. Im Herbst habe ich sie vor der Kälte ins Haus gerettet. Morgens, wenn ich aufwache, sehe ich als erstes ihren rosaroten Blütenflor. Ich muss sagen, dass ich mich etwas unter Druck gesetzt fühle. Wer so eine fleißige Blume vor Augen hat, tut gut daran, die Beine aus dem Bett zu schwingen, Kaffee zu brühen und pünktlich jeden Tag das Lieschen zu gießen. Das ist der einzige Lohn, den es verlangt: Wasser. Und schon entsteht eine neue Knospe.

Nein, es ist keine Blume zum Ausruhen. Im Pflanzenlexikon finde ich sie unter dem Stichwort "Impatiens", was sich irgendwie auf Ungeduld bezieht. Ein deutscher Name ist auch "Springkraut", oder "Rührmichnichtan". Das Ungeduldige, Nervöse am Lieschen ist die Art, wie es mit seinen Samenkapseln reagiert. Beim leisesten Antupfen platzen sie und schleudern die Samenkörnchen geradezu hysterisch von sich. Das gilt vor allem für das indische Springkraut, das unter Edelgärtnern eigentlich ein Unkraut ist. Etwas lästig, weil es sich so wahnsinnig vermehrt.

Das klassische Fleißige Lieschen ist eines von über 850 ein- oder mehrjährigen Sorten. Impatiens Walleriana ist die häufigste Art, die bei uns in Gärten und Balkonkästen gedeiht. Es kommt aus den Tropen Ostafrikas, blüht in vielen Farben von Weiss bis Flieder, Orangerot und Rosarot. Hat weiche, fleischige, rötlich gestreifte Stängel und stirbt bei Frost. Ich habe schon ein paar Mal versucht, eine besonders reich blühende Pflanze im Haus zu überwintern. Bisher ist es mir nicht recht gelungen. Aus eigener Schuld wohl - wenn man das Gießen ein paar Tage vergisst, ist das nicht wieder gutzumachen. Manchmal sind auch einfach die Blätter abgefallen. Aber diesmal habe ich wirklich einen Ausbund von Fleiß und Treue erwischt. Ich rede oft damit, verspreche meinem Lieschen, dass es im Frühsommer wieder hinaus darf an die Luft und an die Sonne. Wenn es weiterhin so brav ist. Vorsichtshalber habe ich schon Samenkörner aus reifen Kapseln in kleine Töpfchen Erde versenkt. Lieschenkinder. Eigener Nachwuchs. Mit der Zeit wird auch die Gärtnerin fleißig - so was färbt ab. Ach, Fleiß kann doch auch schön sein.

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