Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Grünlilien

Sie ist pflegeleicht, nicht nachtragend, dabei noch gesund – und kaum jemand dankt es ihr. Wie ungerecht, findet unsere Autorin.

Ursula Friedrich

Wir wollen nicht nur alle gesund leben, wir sollen es auch, sagt unsere Gesundheitsministerin in strengem Ton. Das heißt, wir dürfen nicht rauchen, nicht saufen, nicht dick und nicht faul sein. Sich an der Hungergrenze ernähren, zwei bis drei Liter klares Wasser pro Tag trinken, dazu joggen, woggeln, stretchen, radeln und den Rest des Tages seilhüpfen – das ist die rechte Lebensweise. Wer sich dran hält, soll dann sogar eine Prämie in bar von der Krankenkasse bekommen. Und das Arbeitslosenproblem wird sich dadurch auch teillösen, weil man zur Überwachung natürlich viel Aufsichtspersonal braucht. Klingeling an der Haustür: „Haben Sie schon gejoggt? Wo ist ihr Schwitz-Shirt? Wo ist ihr Heimtrainer? Steigen Sie bitte auf die Waage!“

Diesem Aufseher würde ich als erstes meine Grünlilien zeigen. Im Schlafzimmer, im Wohnzimmer und auf dem Bord im Treppenhaus. Ferner meinen Ficus, meinen Zimmerfarn, meine Zimmerlinde, meinen Philodendron. Der Aufseher wäre vielleicht verwundert, weil es bis zu seinen Vorschriften noch nicht durchgedrungen ist, dass Grünpflanzen nur durch ihr Dastehen genauso gesund sind wie eine Schüssel voll Kopfsalat oder ein Sprungseil. Ja, würde ich sagen, da müssen Sie sich informieren! Vielleicht würde ihm dann nicht auffallen, dass ich über die Feiertage zwei Pfund zugenommen habe, ohne Joggen.

„Wer mit Pflanzen lebt, lebt gesünder!“ Ich zitiere die neue Ausgabe meiner „Apotheken Umschau“. Warum, wird ganz genau erklärt. Erstens verzehren die Pflanzen das uns schädigende Kohlendioxyd und spenden uns im Ausgleich waldluftgesunden Sauerstoff. Zweitens erhöhen sie die Luftfeuchtigkeit in heizungstrockenen Räumen, wodurch die Schleimhäute im Nasenrachenraum nicht austrocknen, dadurch hätten Erkältungserreger leichtes Spiel, heißt es.

Drittens reduzieren die Pflanzen den Schadstoffgehalt in der Luft. Schadstoffe wie Formaldehyd oder Benzol, die aus Teppichböden, Farben, Zigarettenrauch in die Raumluft gelangen, werden geschluckt. Zu den extra guten Schluckern gehören meine Grünlilien.

Nun zur Grünlilie. Sie heißt Chlorophytum, auch Grüner Heinrich oder Fliegender Holländer und gehört zur großen Gattung der Liliengewächse, die in Afrika, Asien, Südamerika und Australien vorkommen und bei uns nur als Topfpflanzen existieren. Sie haben schmale, grünweiß gestreifte Blätter und kleine sternförmige grüne oder weiße Blüten. An dünnen Stängeln entwicklen sich neue kleine Pflanzen, die man, wenn sie Würzelchen bekommen haben, abtrennen und in eigene Töpfchen versetzen kann.

Die Grünlilie, steht im Pflanzenlexikon, hat kaum Ansprüche, nimmt auch lieblose Behandlung nicht übel. Wenn sie mal tagelang nicht gegossen wird, geht sie deswegen nicht ein. „Sie ist sehr robust“, steht im Pflanzenlexikon, „und daher zur beliebten Büropflanze geworden.“

Die Arme. Sie ist hübsch, pflegeleicht, nicht nachtragend und dazu noch so lieb, uns vor allen möglichen Umweltgiften zu schützen. Sie treibt keinen Aufwand mit ihrer Fortpflanzung. „Man spürt sie kaum“, pflegen wir von Menschen mit ähnlichen Eigenschaften zu sagen. Solche Menschen findet man in der Regel nicht faszinierend, und die Grünlilie gehört nicht zu den attraktivsten Pflanzen. Das ändert sich vielleicht jetzt. Wenn man Grünlilien hat, verehrte Frau Bundesgesundheitsministerin, kriegt man dann auch Geld von den Kassen zurück?

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