Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Kapuzinerkresse

Unbeachtet gedeiht im einen Jahr, was im nächsten wohlbehütet vor sich hinkümmert. Ein Fall für den Pflanzenpsychologen?

Ursula Friedrich

Als Gärtnerin bräuchte man dringend den Kontakt mit einer allwissenden Instanz wie dem lieben Gott oder wenigstens einem praxisnahen Botaniker, die einem das Naturgeschehen im Garten erklären könnte. Es ist nämlich für unsereins manchmal ganz unbegreiflich. Warum hat mein Apfelbaum dieses Jahr nur einen einzigen Apfel? Wie kommt es, dass die Mahonien an dem von mir zugewiesenen geräumigen halbschattigen Platz nur halb so üppig blühen wie die eine Mahonie, die sich selbstständig zwischen Mauer und Terrassenplatten angesiedelt hat, in einem Spalt fast ohne Erde? Wieso wächst aus einem anderen Spalt eine Stachelbeere, die sogar Früchte bringt und ganz ohne Meltau ist?

Botaniker? Vielleicht wäre ein Pflanzenpsychologe noch besser, der sich in den Seelen unserer grünen Freunde auskennt. Was wollen sie? Warum sind sie beleidigt? Die Leserin Vera P. aus Berlin möchte es auch gerne wissen. Sie hat im vergangenen Jahr zwischen ihre Balkonpflanzen ganz achtlos ein paar Kapuzinerkressesamen versenkt, die sie vergessen hatte und für erfroren hielt. „Zu meiner Überraschung (und Freude) wucherten daraus enorme Rankenbüsche! Ich dachte, wenn das so ist, werde ich demnächst nur noch Kresse aussäen. In diesem Jahr kaufte ich also Samen und freute mich auf überschäumende Blütenpracht. Stattdessen sind die Pflanzen nur völlig verkümmert gewachsen und von Anfang an zum großen Teil verwelkt. Ich stehe vor einem Rätsel. Gewiss, ich habe sie zu dicht gesät, aber voriges Jahr zwischen den anderen Balkonpflanzen waren sie ja noch viel beengter! Allerdings habe ich nicht gedüngt, weil ich auf der Samentüte gelesen hatte, dass sie nährstoffarmen Boden brauchen. Ob sie die Anti-Blattlausstäbchen nicht vertragen haben? Oder die heißen Tage? Oder den vielen Regen? Aber ich dachte, Kapuzinerkresse ist zäh? Ich wüsste zu gern, was da falsch gelaufen ist…“

Liebe Frau P., ich teile Ihre Ratlosigkeit. Denn bei mir ist dieses Jahr die Kapuzinerkresse auch nicht gediehen. In einem Topf auf der Terrasse hatten sie nur mickrige Blätter hervorgebracht, anfangs auch zwei, drei (wunderschöne) tiefrote Blüten, aber das Blühen wurde dann auch eingestellt. Im Sommer-Sonnen-Beet vor dem Haus krochen die Pflänzchen zwar aus der Erde, blieben aber dann wochenlang im präpubertären Zustand stehen. Keine Knospen, keine schlängelnden Ranken. Ich weiß nicht, was falsch war. Hat ihnen der Mistkompost, den ich im vergangenen Herbst verstreut habe, nicht gemundet? Aber im Tontopf auf der Terrasse war kein Kompost, nur normale Erde. Schön, es hat viel geregnet. Schön, ich habe an heißen Tagen nur die Topfkapuziner gegossen, die im Beet nicht. Weil doch Kapuzinerkresse (botanischer Name Tropaeolum) als halbes Unkraut, jedenfalls als nahezu unverwüstlich gilt. In meinem Pflanzenlexikon steht nur, dass im Frühjahr Blattläuse und die Raupen von Kohlweißlingen und anderen Schmetterlingen eine Gefahr darstellen können.

Aber die Kohlweißlinge waren es nicht. Was dann? Die Erklärung, dass dieses Jahr eben kein Kapuzinerkressenjahr war, gilt nicht. In Nachbargärten wuchsen die ganz unbekümmert und wunderschön. In meinem Beet übrigens ist inzwischen das meiste erfroren, nur meine klein gebliebene Kapuziner nicht. Vorgestern habe ich die erste und einzige Blüte entdeckt, orangerot. Bei ihrem Anblick habe ich beschlossen, nächstes Jahr noch nicht aufzugeben. Sie auch nicht, Frau P.? Wir bleiben in Kontakt.

Nächste Woche: Schmetterlinge

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