Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Korkenzieherhasel

Zuerst hielt unsere Autorin diesen Busch für eine Art Witz. Dann wollte sie ihn unbedingt haben.

Ursula Friedrich

Der Mensch liebt das Außergewöhnliche. Das, das kein anderer hat, oder nur wenige andere. Für den Kaiser von China wurden Hunde ohne Schnauzen gezüchtet, und nur in den Palästen durften sie sein, bei Todesstrafe für jeden Dieb. Heute kann jeder solch einen Pekinesen haben. Na, dann werden eben haarlose Nackthunde gezüchtet. Oder auch über und über faltige Hunde. Ihre Augen sind ganz verschwunden oder nur in den Falten versteckt, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall sind sie außergewöhnlich. Extraordinaire, sagt der Franzose.

Auch im Gärtner, obwohl er eigentlich ein guter Mensch ist, steckt die extraordinäre Sehnsucht. Was soll schön sein an schwarzen Tulpen? Oder an maikäferbraunen Margariten? Rosarote Vergissmeinnicht mit weißen Blütenrändern sind interessant, lilafarbene Stangenbohnen auch, und obwohl sie genau wie der blaue Blumenkohl im Kochtopf nebelgrau werden, verkaufen sie sich sehr gut. Mal was anderes. Wir werden bald bei der weißen Tomate und dem roten Spargel sein.

Verzeihung, ich schweife ab. Ich wollte erklären, warum ich keinen gewöhnlichen Haselnussstrauch habe. Keinen mit gerade gewachsenen Stecken und glatten ovalen Blättern, sondern einen verkrüppelten, bizarr sich windenden. Eine so genannte Korkenzieherhasel. Sie heißt Corylus contorta, gleicher Vorname wie alle Haselnussbüsche. Aber dann kommt das herausragende Andere: contorta, was laut lateinischem Wörterbuch „verschroben, verwickelt, verworren“ heißt.

Ich habe den Strauch mitten im Winter bei einem Freund kennen gelernt. In einem vom Schnee platt gemachten Garten stand ein Gewächs, das mit keinem einzigen Zweiglein an einen normalen Busch erinnerte. Ein einziges witziges und freches Aufbegehren gegen den Dezemberernst. Eine Korkenzieherhasel. Schon der Name erinnerte an Rotweinkorken, Glühwein, fröhlichen Kerzenschimmer.

Begeisternd. Ich sah sie dann wieder im zeitigen Frühjahr, da war sie noch attraktiver. Behängt mit langen, zitronengelben Würstchen sah sie aus wie ein riesiger chinesischer Lampenschirm. Ich ging in die Baumschule und holte mir eine Korkenzieherhasel.

Das ist fünf Jahre her. Jeden Winter und jedes Frühjahr erfreue ich mich an dem Anblick. Da ich sie als Solitär in die Wiese gesetzt habe, ist sie der stolze, außergewöhnliche Blickpunkt. Nicht ganz so ungewöhnlich wie ein tibetanischer Nackthund, gebe ich zu, aber nicht jeder besitzt in seinem Garten einen so ins Auge springenden Busch.

Wenn die Kätzchen abgefallen und weggekehrt sind, kommen die Blätter. Sie sind auch eine Überraschung, allerdings nicht direkt eine günstige. Genau genommen sieht eine sommergrüne Korkenzieherhasel aus, als sei sie von Läusen und obendrein der Kräuselkrankheit befallen. Warum kann sie ihre Blätter nicht ganz normal entfalten? Nein, sie sind verschroben, verwickelt und verworren wie die Zweige. Im Herbst kriegen sie eine fahle Goldfarbe und fallen ab. Gott sei Dank, jetzt sieht man die Korkenzieheräste wieder.

Wir ernten keine Nüsse. Vielleicht kommt das daher, dass kein weiteres Exemplar in der Gegend steht. Eine einzige Korkenzieherhasel kann sich nicht selbst befruchten. Vielleicht sieht sie deshalb im Sommer so grämlich aus. Und noch einen Fehler hat sie: sie versucht ununterbrochen, aus geheimem Untergrund kerzengerade normale Sprossen ans Licht zu schicken, die man laut Fachmann sofort mit einem Spezialmesser killen muss. Geile Triebe sind das, sagt er. Ich liebe meine verwirrte Contorta trotz solcher Sünden.

Nächste Woche: Brennnessel

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