Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Kornelkirsche

Ursula Friedrich

Jedes Jahr dasselbe: Der Winter ist länger, als ich dachte, kälter, grauer, langweiliger. Der erste Schnee - ach Gott, ja, ganz nett.

Aber dann taut er weg und kommt wieder und taut weg, Weiß nervt mit der Zeit und noch mehr nervt der Anblick des Gartens. Eine Wüstenei. Die Thujenhecke böte nur dann ein wenig Abwechslung, wenn man dazwischen Goldthujen gepflanzt hätte. Damals, als der Garten angelegt wurde und man sich ganz aufs Blühen und auf Farben konzentriert hatte. Genau genommen dauert diese herrliche Phase nur vier Monate, ein bisschen Frühling davor, ein bisschen Herbst danach und dann der lange Winter.

Das ist natürlich Gärtners eigene Schuld. Man könnte dagegen steuern. Mit besagten goldfarbenen Thujen zum Beispiel. Oder Büschen, deren Zweige nicht graubraun in der Kälte stehen, sondern leuchtend rot oder quietschgelb sind. Das muntert das Bild kolossal auf, jetzt im Winter. Nur ist es einem halt im Sommer ziemlich egal, wie blattlose Büsche im Winter aussehen.

Man müsste sich schon beim Pflanzen ganz auf die Rinde konzentrieren. Warum keine Birke statt eines Vogelbeerbaums? Birken haben keine roten Beeren, aber sie sind auch im kahlen Zustand ein schöner Anblick. Oder eine Hartriegelplantage - diese Büsche mit dem harschen Namen verbergen im Sommer unter dem Laub ihre prächtig gefärbten Rinden. Sie gehören zur Familie Cornus und sind mit fast 45 Arten auf der nördlichen Halbkugel verteilt. Manche haben feuerrote, hellrote, gelbgrüne Äste: Cornus alba, Cornus sibirica, Cornus Flaviramea. Die Sache ist nur die, dass bei ganz jungen Buschkindern in der Baumschule diese Färbungen noch nicht sehr ausgeprägt sind. Wenn man sich nicht beraten lässt, wie ich, hat man dann halt vielleicht eine Sorte mit weißgrünen Blättern (sehr hübsch) in der Gartenecke, aber ohne winterliches Leuchtfeuer. Um dieses Leuchtfeuer zu bewahren, müssen die Hartriegelbüsche übrigens im Frühling kräftig zurückgeschnitten werden. Schon mit fünf Jahren ergrauen nämlich die alten Triebe, verlieren ihren Glanz.

Auch die Kornelkirsche (Cornus mas) gehört zu den Hartriegel-Arten. Mit ihrer Rinde tut sie sich nicht besonders hervor, aber sie setzt im Februar dafür schon Blüten an: hellgelbes Gekräusel an den kahlen Zweigen, süß duftend, von Bienen umschwärmt. Goethe hatte in seinem Garten eine Kornelkirschenhecke. Forsythien gab es zu seiner Zeit noch nicht, aber die Kornelkirsche, die schöne rote und überaus gesunde Früchte bringt. Meinen Kornelkirschenstrauch liebe ich heiß, obwohl - oder vielleicht weil - ich ihn eigentlich nur irrtümlich habe. Ich habe ihn als unwissende Gärtnerin mit einem Mandelbusch verwechselt. Nein, dem Mandelbusch trauere ich nicht nach. Diese Sorte erfriert sowieso immer. Aber Früchte habe ich bisher keine ernten können. Vielleicht habe ich einmal zu laut unter dem offenen Himmel das Wort "Kornelkirsche" ausgesprochen. Eine Amsel hat es gehört, weitererzählt, und jetzt sind sie begeistert von meinem Garten, die Amseln.

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