Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Neues aus den Katalogen

Ursula Friedrich

Manchmal finde ich die Gattung Mensch nicht besonders super. Zum Beispiel, wenn ich nach Weihnachten in den Kaufhäusern beobachte, wie die Leute schwitzend und drängelnd ihre Geschenke umtauschen und gleichzeitig auf den Wühltischen nach neuen Schnäppchen grapschen. Konsumidioten alle miteinander, kriegen nicht genug. Von da bis zur Stille eines Gartens ist ein weiter Weg. Und dennoch haben diese rastlosen Materialisten auch eine andere Eigenschaft gemeinsam, eine rührende menschliche Eigenschaft: die Liebe zu Blumen - die Liebe zu etwas Schönem, Vergänglichem, im Grunde völlig Nutzlosem.

Wann hat der Mensch angefangen, wilde Blumen zu pflücken, um sich daran zu erfreuen? Gärten anzulegen? Samen zu sammeln, Erde zu zerkrümeln, zu züchten? Die Spuren führen weit zurück in die verschiedensten Gegenden der Welt. Immer schönere Blumen wuchsen unter der pflegenden Hand, immer herrlichere Farben und Formen entstanden. Anfangs geschah das in Palastanlagen, zum Ergötzen von Sultanen und Kaiserinnen.

Aber es gab auch den gemeinen Mann, der Blumen liebte. In England zum Beispiel. Als im 16. Jahrhundert flämische Weber von den Niederlanden nach England flohen, nahmen sie ihre Zwiebeln, Wurzeln und Samen mit. In den Textilerzeugungsgebieten arbeiteten sie sechzehn Stunden täglich unter erbärmlichsten Bedingungen und züchteten in ihrer Freizeit Blumen. "Arbeiterblumen", wie der Adel verächtlich vermerkte. Anemonen, Hyazinthen, Ranunkeln, Nelken, Primeln und Tulpen. Im 19. Jahrhundert waren daraus zahlreiche Blumenzüchtervereine entstanden mit einer eigenen Leitung und großen Wettbewerben.

Daran denke ich, als mir der Briefträger die neuesten Blumenkataloge in den Postkasten wirft. Jedes Jahr werden dem wintertrübsinnigen Gärtner und der depressiven Gärtnerin neue Blumenwunder vorgestellt: eine limonenfarbene Hängepetunie, oder "Starlight", die Sternblüten-Verbene mit pinkfarbenen, weiß gestreiften Blüten, die sich noch dazu selber beseitigen, wenn sie verblüht sind. Ein Schmetterlingsflieder, ein kirschrotes Zauberglöckchen, die Duftgeranie "Citronella", eine echt azurblaue Blaue Mauritius für den Terracotta-Kübel, Prunkwinden, Blaue und Weiße Enzianbäume, einen schneeweißen Hängejasmin, der vom Frühsommer bis zum späten Herbst unermüdlich blüht, Kap-Margeriten in Weiß, Orange oder Pink, und... und...

Apropos Kap-Margeriten: da habe ich kürzlich im "Spiegel" gelesen, dass ein Botaniker vom Istituto Sperimentale per la Floricultura in San Remo einer weißen Margerite das Gen einer Qualle verliehen hat und damit die Gabe, unter UV-Licht zu fluoreszieren. Das Experiment zeige, sagte der Wissenschaftler, dass Gentechnik "allein für die Schönheit" entwickelt werden könne. Ich finde das völlig unnötig, um nicht zu sagen, schrecklich. Aber wer weiß, vielleicht sind wir bald alle verrückt nach leuchtenden Margeriten...

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