Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Oleander

Ursula Friedrich

Eigentlich heißt der Oleander gar nicht Oleander, sondern Nerium, nach Nereus, dem Wassergott. Dabei mag er doch kein Wasser. Wenigstens nicht von oben. Ein Oleander im Regen sieht zerrupft und zerzupft aus, die schönen Blüten fallen ab, die Knospen verschrumpeln. Nichts vom Blütenüberschwang südlich des Brenners. Wo er von Italien bis Indien wild wächst, ist die Erde, aus der er kommt, zwar kiesig und trocken. Aber nur der Oleander weiß, dass unter dem Kies die sanfte Feuchte von verborgenen Bach- oder Flussläufen darauf wartet, seine Wurzeln zu speisen. Da wächst er am liebsten, wo er beides genießen kann: große Hitze und dennoch vorhandene Feuchtigkeit. Kühle Füße, heißes Herz.

Oleander passt nicht zu uns. Er gehört zur Familie der tropischen Hundsgiftgewächse, behält seine Blätter das ganze Jahr und liebt die weiche, warme Luft des Südens. Wenn wir ihn trotzdem bei uns haben wollen, geht das nur in Kübeln, unter regenschützenden Vordächern, an windgeschützten Stellen. Ich kenne einen Liebhaber, der extra ein gläsernes Haus gebaut hat für seine Oleanderbüsche. Im Frühjahr werden sie auf mit Rollen versehenen Untersätzen an die Sonne gerollt und beim ersten kühlen Wetterrückfall wieder zurück in ihr Schlösschen. Bei Hitze möchte Oleander im Kübel zwei Mal am Tag gegossen werden, weil seine Wurzeln ja nicht in unterirdische Feuchtzonen vorstoßen können. Bei so aufwändiger Pflege blüht er herrlich, das muss ich zugeben. Aber man muss schon ein Oleanderliebhaber aus grosser Leidenschaft sein.

Freunde von mir haben seit acht Jahren einen weißen Oleander. Vielmehr, es heißt, dass er weiß ist. So richtig gezeigt hat er es noch nicht. Er setzt dünne Knospen an, die sich nicht öffnen wollen. Nur an der ständig wachsenden Größe der Töpfe, in die er umgesetzt wird, lässt sich erkennen, dass er irgendwie doch gedeiht. Meine Freundin liebt ihn, sie hat ihn aus einem Ableger selbst gezogen. Ihr Ehemann hasst ihn - aus gutem Grund. Seine Aufgabe ist es, den weißen Oleander im Herbst in den Kofferraum seines Autos zu heben und in eine Gärtnerei zu bringen, wo sie ihn über den Winter bringen. Im Frühjahr muss er wieder abgeholt werden.

Bereits drei Mal hat Ingo, der Ehemann, sich beim Hinein- bzw. Herausheben einen Bandscheibenvorfall zugezogen. Im vergangenen Herbst musste er operiert werden. Nach drei Wochen Krankenhaus und fünf Wochen Reha durfte er kurz vor Weihnachten nach Hause. Seither liegt er auf dem Sofa und hat den bösen Blick. Er oder ich, sagt er und meint den Oleander. Wenn er im Mai nicht mindestens elf Blüten bekommt, wird er von mir eigenhändig zerhackt.

Warum elf, sagt seine Frau, Ingo, acht Blüten reichen doch auch. Nein! Bei nur acht Blüten lässt er sich scheiden. Ja, was kann man als Zeugin solcher Ehekrise raten? Es gäbe eine kleine Lösung: weg mit dem Oleander, und dafür reichlich Immergrün pflanzen. Immergrün ist bei uns im Norden zu Hause und mag gern Regen und Schatten. Und vor allem - Immergrün ist um sechs Ecken mit dem Oleander verwandt.

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