Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Primeln

Bunt, frisch und schwer zu zähmen – jetzt kommt die Primel und gibt schon mal einen Vorgeschmack auf das Winterende

Ursula Friedrich

Von der Grippe bin ich bisher verschont geblieben, gottlob. Dafür hat mich ein anderer Virus heimgesucht: der Primelvirus. Die Krankheit äußert sich nicht in fließender Nase, sondern in einem unstillbaren Heißhunger. Einem Hunger auf etwas, das man nicht essen kann, oder jedenfalls nur mit den Augen. Hunger auf Rot, Gelb, Weiß, Orange, Blau, Violett. Ein Farbhunger, zu dem sich noch der Dufthunger einstellt. Wenn man die Nase ganz nah an das Objekt, der Begierde bringt, kann es auch zu schnupfenartigem Niesreiz kommen – falls man allergisch ist gegen Primula Vera, Primula vulgaris und wie sie sonst heißen – die Primeln, die jetzt kistenweise in jedem Blumenladen, jedem Supermarkt stehen. Früher kostete das Stück eine Mark, jetzt kostet es 99 Cents. Die Euro-Teuerung hat auch sie ergriffen, aber das macht nichts. Pro Jahr werden 100 Millionen Töpfchen verkauft, die Primel steht damit an erster Stelle auf dem deutschen Markt.

Sie sind einfach unwiderstehlich. So schön, so fröhlich, so bunt – während draußen noch der Schnee liegt. Und der Kunde, der seinen Einkaufswagen mit Wurst, Dauermilch, Kartoffeln vom letzten Herbst, unfrischem Wirsing und laschem Salat durch das Einkaufsparadies schiebt, ist des Winters überdrüssig. Die Tomaten sind rot, aber schmecken momentan nach nichts, die Orangen habe eine leckere Farbe, sind aber bereits ein bisschen faserig, der Knoblauch stinkt, bald gibt es frischen, heißt es. Bald gibt es auch frische Rettiche, weiße und rote, saftig und vitaminreich. Bald. Aber es gibt schon frische Primeln. Primula, der kleine Erstling. Der Name kommt aus dem Lateinischen.

Die Primeln kommen aus dem Treibhaus. Man darf sie nicht auf den Balkon stellen. Ihre Unterbringung im geschützten Zuhause ist nicht ganz einfach, weil sie es kühl haben sollen, ganz kühl, sagen die Fachleute. Ich aber sage euch: man kann sie überall hinstellen, aufs Fensterbrett, auf den Tisch, es darf auch warm sein. Man muss sie nur sparsam gießen, ohne sie jedoch austrocknen zu lassen. Halbschatten ist ihnen lieber als Sonne, aber auch darüber kommen sie weg, wenn man ihnen erklärt, dass sie nicht für den Mülleimer gekauft wurden. Nein, wenn sie verblüht sind nach einigen Wochen, kommen sie in ein stilles Kellerzimmer und dürfen darauf warten, dass der Frühling, den sie schon lange verkünden, endlich eintrifft. Dann werden sie im Garten ausgesetzt. Oft blühen sie vor Freude gleich noch einmal.

Sie stammen aus unterschiedlichen Gegenden. Die gelben zum Beispiel aus Norddeutschland, die weißen aus Mallorca, eine vielfarbige Sorte aus dem Iran. Aber so ganz genau kann man das gar nicht unterscheiden. Sie befruchten sich gegenseitig wahllos oder auch von Züchtern gesteuert. Rassische Vorurteile kennen sie nicht. Ich habe zum Beispiel in meiner Wiese wilde Schlüsselblumen auf hohen Stängeln. Eine Primula juliae, eine Teppichprimel, pflanzte ich in der Nähe aus. Jetzt habe ich auch noch eine lachsfarbige langstielige Schlüsselblume, eindeutig Produkt eines Seitensprungs.

Primeln im Garten sind lustig und schwer bezähmbar. Das hat fast zu einer Missstimmung zwischen mir und meinen Primeln geführt. Ich hab doch alles für euch getan, und jetzt haut ihr ab. Sie legen sich auch neue Farben zu, meist etwas blassere und dezentere als im Einkaufsmarkt. Ich lasse sie jetzt machen. In ein paar Wochen kommen 27 neue dazu. Kein Ende in Sicht. Vorläufig habe ich sie alle noch unter meinen Fittichen auf sämtlichen Fensterbrettern.

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