Mein Garten EDEN : Rauchen gegen Läuse

Ursula Friedrich

Sobald es draußen wärmer wird, leben sie wieder auf: die Läuse, fetten Fliegen, Mücken und auch die Schnecken. Man hat keine Ahnung, wo sie die kalten Monate verbracht haben. Jetzt kommt so langsam alles ans Licht. Aber darf ich Sie nochmals dran erinnern: Falls Sie sich über den ersten Zitronenfalter entzücken, denken Sie dran, dass er jetzt Eier legt und daraus Raupen entstehen, die Sie bitte nicht zerquetschen sollen. Ich habe das schon einmal geschrieben, aber das kann man nicht oft genug schreiben – angesichts der Tatsache, dass 80 Prozent der Schmetterlinge im Raupenstadium getötet werden.

Für die Schädlingsbekämpfung in meinem Garten ist neuerdings Andi zuständig. Andi ist aus Polen und circa 50 Jahre jünger als ich, aber das beeinträchtigt unsere Freundschaft nicht – im Gegenteil. Er kann sich besser bücken als ich. Andi war in seiner Heimat Bäcker, aber dann bekam er eine Mehlallergie. Jetzt widmet er sich meinen Blattläusen, die ganz dick in den frischen Trieben der Rosen sitzen. Es gibt angeblich ein Mittel, mit dem man die Erde rund um die befallenen Pflanzen gießt. Es dringt über die Wurzeln in die Saftadern ein und macht die Pflanzen resistent.

Von solchen wissenschaftlichen Mitteln hält Andi nichts. Er weicht seine Zigarettenstummel samt Filter in einem Eimer Wasser ein (deswegen raucht er auch immer bei der Arbeit). Das Ganze bleibt eine Woche stehen, dann sprüht er. Hilft auch.

Manchmal irrt sich Andi. Unlängst säbelte er meinen austreibenden Farn ab, weil er die Triebspitzen für krank hielt. Nicht weiter schlimm, die kommen ja wieder. Dafür hat Andi einen Baumschneidekurs gemacht und kann mit einem Seil und ein paar Haken ganz oben im Kirschbaum den Schrotschusspilz mit einer allerdings chemischen Brause bekämpfen. Gegen die Mücken im Wohnzimmer hat er ein feines Netz vor die Terrassentür gehängt. Bisschen umständlich jetzt, hinauszugehen, aber er schwört, dass ich dafür abends das Licht brennen lassen kann.

Nur gegen den Maulwurf, der sich in meiner Wiese mit Erdhaufen bemerkbar macht, ist ihm noch nichts eingefallen. Das polnische Mittel, direkt in die Löcher zu pinkeln, hat nicht geholfen. Ach, da hatte ich früher ein großartiges Rezept – als mein Sohn den Keller als Übungsraum für seine Rock-Band benützte. Mit Schlagzeug, irrsinnigen Verstärkern, brummendem Bass. Wir hatten uns davor sehr über den artengeschützten Maulwurf geärgert, den man ja nicht durch eine einfache Falle vernichten darf. Aber die unterirdischen Schallwellen aus dem Keller wirkten sofort. Der Maulwurf zog für immer und offenbar schwer beleidigt um. Jetzt haben wir wieder einen. Vielleicht erkundige ich mich mal, ob Udo Lindenberg in meinen verwaisten Keller einzieht, vorübergehend. Ursula Friedrich

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