Mein Garten EDEN : Schleimiger Natternkopf

Ursula Friedrich

Was macht ein Bub, der von seinen Eltern auf den Namen Kastulus getauft worden ist, weil so ein nicht unvermögender Pate heißt, ein Bäckermeister Kastulus Hagl, nebenbei Ahnenforscher und sehr stolz auf seinen altbayerischen Vornamen? Der Bub saß in der ersten Schulklasse neben mir und weinte, als er vor den Mitschülern seinen blöden Namen nennen musste. Kastulus. Wir nannten ihn einfach Seppi. Bei Kindern gehen solche Änderungen.

Was macht eine Blume, wenn sie unter dem Namen schleimiger Natternkopf leben muss? Oder würgendes Dreiblatt? Ach, sie zieht sich auf Schutthalden und in verlassene Kiesgruben zurück. Keiner mag sie. Niemand kommt auf die Idee, sie ins Gartenbeet zu holen, um mit ihr weiterzuzüchten. Meine Großmutter ist meines Wissens die Einzige gewesen, die eine kleine weiße Blume Rotzlöffel nannte und sie trotzdem in ihre Wiesensträuße hineinflocht.

Ein geradezu tragisches Beispiel ist eine schöne gelbe Blume, die erst im 16. Jahrhundert in England entdeckt wurde und die niemand haben mochte. Sie hieß, warum auch immer, Totenblume. Wer will so was im Garten? Bis sich das Blatt wendete, weil irgendjemand auf die Idee kam, sie als Studentenblume und später als Tagetes zu neuem Ansehen zu bringen. Mein großes Botanica-Lexikon wundert sich darüber. Genauere Auskunft steht nicht drin, nur die Bemerkung, dass sie heutzutage zu den häufigsten Rabatten- und Schmuckblumen gehört.

Das gemeine Fettkraut, das gemeine Ferkelkraut, der gequollene Wasserschlauch, Kälberkropf und die stinkende Pestwurz – man möchte wissen, was solche Gewächse im Wald überhaupt zu suchen haben. Oder Pilze, die gelber Zitterling heißen. In eine Wiesenpflanze mit großen Blättern, die auf Kuhweiden wächst, packten die Bäuerinnen bei uns ihre selbst gerührte Butter zum Kühlen ein, bevor sie damit auf den Markt gingen. Man hätte die Pflanze auch rötlicher Riesenampfer nennen können, wenn man ihr freundlich gesonnen gewesen wäre. Aber sie hieß bei den gemeinen Butterbäuerinnen bloß Scheißbladern. Die so verhüllte Butter wurde trotzdem gekauft. Wanzenkraut, Wanzenrose – die Römer benutzten die getrockneten und zerriebenen Blätter zur Ungeziefervernichtung. Sie könnten mal neu getauft werden, es gibt inzwischen effizientere Mittel.

Mein bedeutendster Fund bei der Forschung nach scheußlichen Namen im Lexikon ist eine Pflanze namens Menschenblut. Menschenblut wächst auf beiden Seiten des Mittelmeerraums und gehört zu der Familie der Zichorie. Die Bezeichnung hat nichts mit Mord und Totschlag zu tun, sondern mit der Farbe ihrer Säfte und der roten Rinde ihres dünnen Stammes. Ich trinke, trinke Menschenblut … Pfui.Ursula Friedrich

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