Zeitung Heute : Mein Geld, dein Geld

Bett, Wohnung, Auto – Paare teilen sich viel. Nur beim gemeinsamen Konto ist meist Schluss. Warum eigentlich? Von Soll und Haben in der Liebe.

Philipp Tingler

Verona Pooth-Feldbusch, für die das Berufsbild der Werbe- Ikone erfunden wurde, steht tapfer ihrem Ehemann Franjo bei. Gegen den Geschäftsmann wird nach der Pleite seines MP3-Spieler-Vertriebs wegen des Verdachts der Bestechung und der Insolvenzverschleppung ermittelt. „Franjo hat nicht einen Euro an Steuern hinterzogen und besitzt auch kein Konto in Liechtenstein“, erklärte Frau Pooth, als ob dies ein besonderer Tugendausweis wäre. Fest steht, dass ihr Gatte für seine Schulden von bis zu 14 Millionen Euro teilweise persönlich wird haften müssen – nicht jedoch Verona. Als Ehefrau haftet die nur für jene Schulden ihres Mannes, die sie ausdrücklich anerkannt hat – außer bei Steuern (vielleicht deshalb der Hinweis auf Liechtenstein). Frau Pooth selbst hat betont, dass ihr Mann stets darauf geachtet habe, sie nicht in seine Geschäfte zu involvieren.

Das ist praktisch für Verona, aber was sagt uns das über den Zustand ihrer Beziehung, die sie so tapfer verteidigt? Nicht viel. Denn die Pooths machen einfach das, was die meisten deutschen Paare machen: Sie haben getrennte Kassen.

Getrennte Kassen bis dass der Tod scheidend eingreift – das ist die stillschweigende Selbstverständlichkeit, über die weder innerhalb noch außerhalb der Beziehung viel geredet wird, denn die innereheliche (oder innerpartnerschaftliche) Finanzgestaltung ist eines der letzten großen Tabus in unserer beinahe alles aussprechenden Gesellschaft. Dass man Geld und Liebe als Gegensatzpaar begreift, führt offenbar zu dem widersinnigen Schluss, dass jeder auf seinem Geld sitzen bleibt. Während es mit unserem medial forcierten Ideal von wahrer Romantik beispielsweise nur schwer vereinbar ist, dass ein Paar keinen einzigen gemeinsamen Wohnsitz hat, ist es offenbar für viele Doppelverdiener-Paare kein Problem, kein gemeinsames Konto zu besitzen. Vom völligen Zusammenlegen der Finanzen ganz zu schweigen.

Üblicherweise wird Geld, das als Thema für die meisten Menschen ohnehin peinlich besetzt ist, in Partnerschaften einfach ausgeklammert. Das heißt: Jeder macht mit seinem Geld weiter wie bisher, und die Peinlichkeit von regelmäßigen Abrechnungen und Quittungsvergleichen ausgerechnet mit jenem Menschen, der einem offiziell der liebste von allen ist, wird ohne weiteres in Kauf genommen. Oder gar nicht verspürt. „Du bist die Liebe meines Lebens, aber ich hätte gerne getrennte Schlafzimmer“, würde wohl für die meisten Leute irritierend klingen – „Du bist die Liebe meines Lebens, aber ich verdiene dreimal so viel wie du, und deshalb hätte ich gerne getrennte Kassen“ hingegen würden viele akzeptieren, obschon es, das muss mal deutlich gesagt werden, vollkommen unakzeptabel, kleinkariert und vertrauenslos ist.

Vertrauen ist überhaupt das Entscheidende. Vertrauen ist neben Humor die einzige dauerhafte Grundlage menschlicher Beziehungen, und wenn man sich vertraut, wird das Leben als Paar durch gemeinsame Finanzen organisatorisch sehr viel einfacher, während andererseits keine Gefahr besteht, dass ein Partner unvermittelt einen Aston Martin kauft, ohne den anderen zu konsultieren. Wenn man sich nicht vertraut, sollte man natürlich von gemeinsamen Konten absehen, da haben die Leute völlig recht – aber zwei Leute, die sich nicht vertrauen, sollten vor allem auch keine Beziehung führen, und dieser Folgeschluss ist offenbar für die meisten Menschen schwieriger. Natürlich fördert es in finanziellen Belangen das Vertrauen, wenn beide Partner etwa gleich viel verdienen und etwa das gleiche Ausgangskapital mit in die Beziehung einbringen. Dafür sind heutzutage die Voraussetzungen in unserer Gesellschaft besser als jemals zuvor, denn wir leben nicht mehr in Zeiten, zu denen die einzige Möglichkeit für Frauen, ein komfortables Einkommen zu erzielen, in einer lukrativen Versorgungsheirat besteht.

Wenn aber auch die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr dergestalt strukturiert ist, dass der Mann das Geld verdient und die Frau es ausgibt, so bleibt es doch zweifellos richtig, dass Frauen und Männer einen unterschiedlichen Umgang mit Geld pflegen, was dafür verantwortlich sein könnte, dass zwischen den Geschlechtern immer noch (unbewusstes) Misstrauen vorhanden ist. Es gibt wissenschaftliche Evidenz dafür, dass sich sowohl das Konsum- wie auch das Spar- bzw. Investitionsverhalten von Frauen signifikant von dem von Männern unterscheidet. Zwar dürfte es eher ins Reich der Klischees gehören, dass Männer gerne mal spontan einen halben Heimwerkermarkt leerkaufen oder einen Hang zu sinnlosen, pseudo-technischen Gimmicks haben. Erwiesen hingegen ist, dass für Männer das Prestige von Kaufobjekten wichtig ist und sie grundsätzlich eher mit einem bestimmten Kaufziel Geschäfte ansteuern, während Frauen einen Laden vor allem auch betreten, um sich mal umzusehen. Frauen kaufen auch Statusobjekte wie Schmuck nicht in erster Linie, um ihre soziale Geltung zu erhöhen, sondern um hübscher auszusehen. Früher, als regelmäßig der Mann den Schmuck bezahlte, konnten Frauen leichter größere Juwelen durchsetzen, wenn sie die Ausgaben als Repräsentationskosten deklarierten. Das ist die zeitlose Logik von Lorelei Lee, die übrigens auch heute noch in bestimmten Gesellschaftssphären ihre Gültigkeit hat.

Was das Investitions- und Sparverhalten angeht, so bevorzugen Frauen etwa nach den Forschungsergebnissen der Ökonomin Renate Schubert von der renommierten ETH Zürich eher konventionelle, das heißt weniger risikobehaftete Anlagen als Männer.

Während man also schon aufgrund dieser Feststellungen nicht davon ausgehen kann, dass ein Geschlecht a priori leichtfertiger mit dem Geld umginge als das andere, so sind es übrigens oft die Frauen, die auf getrennte Kassen Wert legen, weil ihnen das Gefühl der Unabhängigkeit besonders wichtig ist. „Das ist mein Geld, und ich kann damit machen, was ich will“, ist eine häufig von Frauen gehörte Rechtfertigung für den finanziellen Alleingang auch in der Partnerschaft. Abgesehen jedoch davon, dass diese Unabhängigkeit ja bloß infolge der Einführung gemeinsamer Finanzen nicht automatisch erlischt, ist die strikte finanzielle Trennung unökonomisch, da ihrerseits mit Kosten verbunden.

Allerdings handelt es sich hier regelmäßig um sogenannte Opportunitätskosten, und das ist ein Konzept aus der Sphäre der Wirtschaftswissenschaften, das absurderweise gerade den schlimmsten Geizkrägen nicht einsichtig gemacht werden kann.

Ein kleinlicher Umgang mit Geld zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass die Betroffenen die eigene Zeit mit Null bewerten. Ein richtiger Pfennigfuchser wird zum Beispiel lieber zwei Stunden lang sein Auto selbst waschen als dafür 20 Euro in der Waschanlage auszugeben, obschon dies bedeutet, dass er seine eigene Zeit mit zehn Euro in der Stunde bewertet – wenn man unterstellt, dass ihm das Autowaschen an sich keinen besonderen Spaß macht.

Betrachtet man nun also getrennte Kassen in der Ehe aus ökonomischer Perspektive, so sind mit den wechselseitigen Abrechnungen, Nachweisen, Kontrollen, strategischen Spielen und kleineren weißen und größeren grauen Lügen so erhebliche Kosten, vor allem Zeitkosten und emotionale Kosten verbunden, dass jeder vernünftige – das heißt hier ökonomisch rational handelnde – Mensch sofort davon Abstand nehmen müsste. Doch viele Menschen haben, wie gesagt, ein unterentwickeltes Gespür für ihre eigenen Zeit- und Nervenkosten und ein überentwickeltes Gespür für die absoluten 20 Euro. Aber – möchten Sie wirklich mit so einem Wesen zusammenleben?

Das Geheimnis einer glücklichen Ehe scheint viel eher darin zu bestehen, den finanziellen Bereich genauso zu teilen wie alles andere auch – und, genau wie bei allem anderen, dem Partner immer seinen eigenen Bereich zu lassen. Das heißt: Verknüpfen Sie nicht nur Ihre Herzen, sondern auch Ihre Kreditkarten und akzeptieren Sie die Ausgaben Ihres Lebensgefährten mit einem Lächeln. Oder machen Sie’s wie Donald Trump: Geben Sie Ihr Geld für Ihre bessere Hälfte aus, aber besorgen Sie sich nebenbei eine Bank dazu. Und da wir von Donald Trump sprechen: Ein weiterer, längst überfälliger Beitrag zum unverkrampften Umgang mit Geld in der Partnerschaft besteht darin, dass die Gesellschaft endlich die Heuchelei erkennt, die in der Ablehnung von Vernunftehen liegt. Was ist schlimm daran, dass Geld immer noch ein wichtiger Verführer ist – und zwar, wie man am Phänomen des sogenannten Sugar Mummying ablesen kann, immer mehr auch für Männer? Oder, mit anderen Worten: Ist es nicht ein wenig seltsam, dass Menschen lieber für Qualitäten geliebt werden, für die sie weniger verantwortlich sind, wie Intelligenz und gutes Aussehen, als für wirtschaftlichen Erfolg, auf den sie nichtsdestoweniger extrem stolz sind? Ja, das ist seltsam. In der Tat verzerrt Geld jede menschliche Beziehung. Es geht nur darum, die Irritationen zu minimieren.

Zutiefst irritiert war übrigens auch Verona, als die Staatsanwaltschaft das Poothsche Familienanwesen durchsuchen ließ. Dabei ist das erst der Anfang. Denn durch Franjos Privatkonkurs werden seine Schulden ja nicht einfach verschwinden. Mit sogenannten Verlustscheinen können Gläubiger Herrn Pooth jederzeit wieder belangen, sollte er zu neuem Geld kommen. Deshalb sollte Verona, die sich im Fernsehen als Engel betätigt hat, im richtigen Leben vielleicht den Erwerb dieser Verlustscheine in Erwägung ziehen. Auch dies wäre (eventuell) ökonomisch vernünftig: Bis alle Schulden getilgt sind, dürften Jahre vergehen. In dieser Zeit wird Verona ihrem Franjo nicht nur moralisch, sondern auch materiell in Sachen Familienunterhalt zur Seite stehen müssen. Das nennt man eheliche Beistandspflicht. Und daran sind schon viele Beziehungen gescheitert. Rangiert als Scheidungsgrund weit vor dem Tod.

Phillip Tingler ist Schriftsteller und Ökonom und lebt in Zürich. Gerade erschien sein Benimmratgeber „Stil zeigen!“ (Verlag Kein & Aber), der sich auch mit Fragen zum richtigen Umgang mit Geld und Klasse befasst.

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