Zeitung Heute : Mein klassisches Leben: Das erste Mal

Christine Lemke-Matwey

Jüngst in München, der alten Heimat. Auf einer Premierenfeier gewesen, sich die Beine in den Bauch gestanden, ein kleines lauwarmes Bier getrunken, viele Leute getroffen. Leute von früher. Den Kollegen B., der mal wieder einen fürchterlichen Schnupfen hatte und es sich zwischen 12 fürchterlichen Niesern nicht nehmen ließ, zu fragen: "Na, keine Sehnsucht? Sind ja zurzeit echt schlecht drauf, die Berliner!" Herrn F. von der Bayerischen Theaterakademie, mit dem ich zu Münchner Zeiten so gut wie nie ein Wort gewechselt habe: "Na, keine Sehnsucht? Die Lage der Berliner Bühnen - katastrophal!" Den Intendanten Sch., eigens angereist, der mir versicherte, wie dankbar er derzeit für seinen Posten im Ausland sei: "Na, keine Sehnsucht? Berlin - ein Himmelfahrtskommando!" Oder den Pianisten M., der, wie böse Münder flüstern, viel zu selten übt, dafür allerdings erstaunlich viele graue Haare gekriegt hat: "Na, keine Sehnsucht? Schon ewig kein gutes Konzert mehr gehört, bei Euch in Berlin!" Einzig die Kollegin, deren Name mir entfallen ist, wollte an diesem Abend Konkretes wissen: Was aus den Antisemitismus-Vorwürfen gegen Christian Thielemann geworden sei, immerhin käme der Mann von der Deutschen Oper Berlin wohl demnächst nach München, als Chefdirigent der Philharmoniker...

Ich flüchte mit einer Freundin zu "James". Wir drücken uns in die Polster, James bringt Wein und eine warme Mahlzeit, es ist spät. Wir essen und schweigen. James bringt noch mehr Wein und erzählt von einem Herrenausstatter am Rindermarkt, bei dem man nur die Schwelle betreten, kurz seinen Mantel oder das Jackett lüften müsse - und schon läge, in Seidenpapier gewickelt, das typgerechte Oberhemd, der à point zu tragende Zweireiher an der Repetierkasse. So etwas, lacht James, der aus Afrika stammt, gibt es nur in München. Und die Sachen passten todsicher immer, ohne jede Anprobe! Wir lachen mit und trinken, keine Chance, jemals von diesem herrenausstatterischen Augenmaß zu profitieren.

Wie ich zur Musikkritik gekommen sei, will die Freundin wissen, wir kennen uns erst seit kurzem. Ich sage, was ich immer sage, dass die Wissenschaft mir zu elfenbeintürmern (oder ich zu faul) und das Theater zu nervenaufreibend gewesen sei - und dass ich schon als Kind geschrieben hätte, um zu schreiben. Hefte, Kladden, Bücher voll. Über Tiere - und über unsere zwölf Umzüge. Die schönen schwarzen Augen der Freundin blitzen. Da sei mir der Wechsel nach Berlin sicher leichtgefallen? Ich winde mich, na ja, in Berlin passe einem nix von selber, da müsse man alles erst "anprobieren", das brauche Zeit. Ob ich schon einmal Sehnsucht gehabt hätte, Sehnsucht nach Berlin? In diesem Augenblick schlägt mein Herz wie ein großer warmer Ziegelstein. Ja, sage ich, jetzt gerade. Zum ersten Mal.

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