Zeitung Heute : Mein klassisches Leben: Die Tragödin

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

Es gibt Stücke, auf die wartet man sein halbes Leben. Und sie wollen und wollen nicht wiederkommen. Segeln durch andere ätherische Gefilde, verschwinden in der Versenkung - und bleiben doch und dann erst recht: unvergesslich, unverzichtbar. Adriana Hölszkys "Tragödia. Der unsichtbare Raum" ist für mich so ein magisches Stück. Komponiert 1997 für 18 Instrumentalisten, Live-Elektronik und Zuspielband, uraufgeführt in der Bonner Bundeskunsthalle, machte es Niki de Saint Phalles Nanas oben auf dem Dach des Peichl-Baus alle Ehre: Als brodelte es unter ihren breiten, heiligen Hüften, als tanzten sie plötzlich wie auf heißen Kohlen über die Wasser des Rheins.

Dabei ist es in der Neuen Musik ja längst Usus, dass die Instrumentalisten nicht nur ihre Instrumente beherrschen, sondern auch an diverse Rasseln, Klappern und Tröten Hand anlegen oder sich mit Hilfe ihrer körpereigenen Mundwerkzeuge geradezu virtuos aufs Busseln, Schnalzen, Schmatzen und Zähnefletschen verstehen. Musik ist, was der Mensch als solche hervorbringt. Musik ist menschlich. Eine Musik, im Falle von "Tragödia", der feinmaschig gestrickten Klangflächen und wandernden Klangskulpturen, welche sich wie in geheimer astronautischer Mission mal kaum berühren, mal aufs Heftigste im Universum stoßen. Und eine Oper, stellen Sie sich vor, ganz ohne Sänger, ohne einen einzigen lebendigen Menschen auf der "Bühne". Geht das überhaupt?

Der Mensch sei da, insistiert Adriana Hölszky mit ihrer unnachahmlich leisen, festen Stimme. Und er sei auch nicht da. Oder anders noch: Dass der Mensch in der Konvention nicht sichtbar werde, sage nichts über seine Anwesenheit. Ganz im Gegenteil. Die Komponistin ist scheu, ihre Sprache präzise und absolut ungeschwätzig. Das Interessante an einem Igel, betont sie gern, seien die Weichteile, nicht die Stacheln. Das ist es, was auch ihre Kunst offenbart: das Intime, im Verborgenen Nistende, nur mit äußerstem Mut, äußerster Konzentration und Kraft Preiszugebende.

Ich schwelge in meinen Erinnerungen, sehe Wolf Münzners schaurig schräges Bundeskunsthallen-Interieur vor mir: ein zerwühltes Bett, ein Paar riesige Herrenhandschuhe, ein Hut, fluchtartig abgestreifte rote Pumps, ein glotzender Mops mitten auf dem Tisch, Schatten an der Wand. Spuren des Gewesenen. Grässliches, Tragisches ist geschehen. Vielleicht, vielleicht auch nicht, vielleicht, munkelt die Musik. Wunderbar.

Erstmals nach der Uraufführung wagt sich nun die Zeitgenössische Oper Berlin an eine szenische Realisierung des Stücks. Und alles wird anders. 70 Liegen, heißt es, stünden auf der Bühne des Hebbel-Theaters bereit. Oper in der Horizontale. Kommenden Dienstag ist Premiere. Gespielt wird vom 14. bis zum 18. November. Wir sehen uns doch?

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