Zeitung Heute : Mein klassisches Leben: Klingt nach Kopfnuss

Christine Lemke-Matwey

Heute wollen wir einmal der Entfremdung des Daseins die Stirn bieten. Zurück also zu den Wurzeln, die im Falle der Musik freilich vergleichsweise unweit reichen, nämlich bloß bis nach Mesopotamien oder in die gute alte griechische Antike. "Die Anfänge der Musik sind unbekannt", erfahre ich in einem renommierten Lexikon und bin empört. Schon in der Frühzeit, steht da, gehörte die Musik mutmaßlich, also ziemlich sicher, ääh, sozusagen höchstwahrscheinlich in den "Kultbereich". Beschwörung des "Unsichtbaren" und so. Hm. Ihr höchstwahrscheinlicher Urbesitz an Instrumenten: Aufschläger, Rasseln, "Schraper" und "Schwirrhölzer". Klingt irgendwie fies. Nach Kopfnüssen und lila funkelnden Beulen.

Wie anschaulich nimmt sich dagegen die Poesie aus! Ich tauche ein ins Reich der Mythen, atme die lichte Bläue des apollinischen Geistes und werde buchstäblich im nächsten Augenblick schon von Gevatter Dionysos, von Sinnenrausch und Ekstase hin- und weggerissen. Alles sehr züchtig, versteht sich, alles musisch. "Ototototoí!" wehklagt der Chor der persischen Greise bei Aischylos, "Oioí! Oioí!", "Aiaí! Aiaí!" jubeln die Bakchen (oder Bacchantinnen) des Euripides. Ist das nicht längst Musik? Wie süß müssen da erst die Schilfrohre an den sandigen Ufern des Flusses Ladon gesäuselt haben, als der bocksfüßlerische Hirtengott Pan sie lüstern umfasste? Pan auf der Suche nach Syrinx, der schönsten Baumnymphe Arkadiens, Syrinx, die sein Flehen nicht erhören wollte und sich kurzerhand in die Arme ihrer Schwestern, der Wassernymphen, warf, auf dass diese sie rettungshalber in Schilf verwandelten. Und "wie dann der Wind, indes der Gott dort seufzte, das Röhricht / Streichend, erzeugt einen Ton von zartem, klagendem Klange", so Ovid in seinen "Metamorphosen", da ward den Menschen die Musik geboren. Pan nämlich brach das Schilf, fügte, nicht faul, Rohre unterschiedlicher Länge zusammen und blies auf der fortan nach ihm benannten Flöte eine ziemlich herzzerreißende Weise. Dazu Ernst Bloch, rund 3000 Jahre später: "So beginnt Musik sehnsüchtig und bereits durchaus als Ruf ins Entbehrte."

Ja, ja. Keiner der Herren, weder Pan noch Ovid noch Bloch, scheint sich jemals vorgestellt zu haben, wie das so ist, "Schilf" zu sein. Immer nasse Füße, immer den Mundgeruch irgendeines blöden Flötenspielers im Gebein. Das alte Lied eben: Die Frau muss sterben, damit der Mann zum Schöpfer wird. Ein Trost freilich bleibt: Die Männer können es auch untereinander nicht lassen. Selbst Pan findet schließlich seinen Meister, den Musenführer und Leierspieler Apollon, der ihn im mythischen Wettstreit um die kunstfertigste aller Musiken klar besiegt. Zur Strafe wird dem Bocksfüßler sogleich bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Oioí! Oioioí!

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