Zeitung Heute : Mein Name sei Torte

Diesen Schauspieler gibt’s zum Anbeißen. Gustav Peter Wöhler schmeckt nach Marzipan-Rhabarber-Schmand-Baiser.

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Von Susanne Kippenberger


Herrentorte – Schokoladentorte – Erdbeerkäsetorte – Buttercremetorte – Schwarzwälderkirschtorte“ – Meret Becker lässt sich die Namen auf der Zunge zergehen, während der Kuchen in der Vitrine des Blümchentapetencafés an ihr vorrüberrollt. Sie will, dass der Mann bestellt, und zwar ordentlich, „keine halben Sachen, soviel Sie wollen, geht alles auf mich“. Der Gast bleibt hart. „Ein Mineralwasser, bitte.“

Eine Szene aus dem Film „Urlaub vom Leben“, der am 2. Februar ins Kino kommt, und in dem Meret Becker eine Taxifahrerin und Gustav Peter Wöhler ihren Fahrgast, Rolf Köster, spielt. Wöhler kann den Mann gut verstehen. Er selber kann es auch nicht leiden, wenn ihn jemand zum Essen nötigt. Sein Bauch weiß immer genau, was er will: Jetzt, an diesem Mittag zum Beispiel, würde ihn ein Schweinebraten gar nicht reizen, ein Salat dagegen schon, ein Caesar Salad – der Schauspieler kullert verzückt mit den Augen. Aber wir sitzen, ganz ohne Torte, Braten und Salat, in einem Berliner Hotelzimmer und trinken Mineralwasser. Am Abend zuvor hat Wöhler mit seiner Band im Tipi gespielt, hat gerockt und gesäuselt und mit den Hüften gewackelt, bis auf den letzten Barhocker war alles ausverkauft, gleich muss er nach Hamburg zurück, wo er am nächsten Tag wieder auf der Bühne steht: in „Cabaret“ im St. Pauli Theater. Dazwischen hat er dieses Treffen gequetscht.

Der Westfale, der einmal eine Kaufmannslehre angefangen hat, dann Sozialpädagoge werden wollte und heute mit Behinderten Theater spielt, ist ein begehrter Mann, hat bei Doris Dörrie und Heinrich Breloer mitgespielt – und inzwischen gibt es ihn sogar als Torte. „Gustav-Peter-Wöhler-Torte“, der 49-Jährige deklamiert Silbe für Silbe und kichert, „das ist ja ziemlich lang“. Richtig ehrwürdig klingt der Name, so wie Filetgulasch Stroganoff oder Sauce Béarnaise. Besser als Mozartkugel.

Erfunden hat die Torte eine Weltenbummlerin aus Schleswig-Holstein, die, wenn sie nicht gerade nach Indien reist, ein blühendes Café in einem kleinen Dorf bei Neumünster betreibt, in einem alten Bauernhaus. Wöhlers damaliger Freund lebte in der Nähe und hatte ihn in Heike Thuns Wasbeker „Landhaus-Café“ geführt, und fortan war der Schauspieler ihnen verfallen: dem Bienenstich, der Apfelmohntorte („sensationell!“), dem Pflaumenschmandkuchen… Heike Thun ist eine Bäckerin ganz nach seinem Geschmack, nicht wie in den feinen Hamburger Konditoreien, da ist ihm der Kuchen zu schick, auch nicht so wie in dem angestaubten Blümchentapetencafé aus dem Film mit den Vitrinen-Torten – das gibt es auch wirklich, in Bremen –, bei Heike Thun ist alles frisch und nicht so süß. Die Quereinsteigerin backt „wie Muddern“, wie Wöhler schwärmt. „Wie eine sehr begnadete Hausfrau“, lobt die Zeitschrift „Essen & Trinken“.

Bei Heike Thun hat Wöhler auch schon mal mit seiner Band gespielt, ein Lastwagen diente als Bühne, die Feuerwehr briet Würstchen dazu. Musiker ist er ja aus Lust, nicht als Profi, einen „Bauchsänger“ nennt er sich. Einmal hat der Schauspieler im „Hamburger Abendblatt“ so von dem Gartencafé geschwärmt, dass die Hanseaten ihr die Bude einrannten. Eines Tages kam die Bäckerin dann zum Gegenbesuch zu ihm ins Konzert, natürlich mit Torte: Marzipan-Rhabarber-Schmand-Baiser, mit Rührteig als Basis und einem Marzipan-Klavier als Krönung obendrauf. Das Geschenk schmeckte dem Musiker ganz ausgezeichnet, und bald darauf nannte sie ihre Kreation eben: Gustav-Peter-Wöhler-Torte. Die gibt’s in Wasbek auch dann, wenn gerade kein Rhabarber wächst, dann kommen eben Aprikosen rein. Die Idee stammt von Wöhlers Freund.

In seinem neuen, humorvoll-melancholischen Film „Urlaub vom Leben“ kommen nicht nur Torten vor, sondern auch gruselige Frühstücksszenen. Wöhler spielt einen Familienvater, Sparkassenangestellten, Ehemann, der in seinem Leben nicht mehr glücklich ist. Was am Esstisch besonders deutlich wird: Am liebsten isst dieser Rolf alleine, denn wenn er mit Frau und Sohn und Tochter zusammen speist, herrscht eisiges, wie Wöhler sagt: „anklagendes“ Schweigen: „Jeder klagt den anderen stumm an: Warum sagst du nichts.“ Lustlos beißt die Familie ins Butterbrot.

Nie, sagt der Schauspieler, könne er so leben. Für ihn ist Essen Entspannung, Geselligkeit, Genuss, vor allem am Abend. Aber auch er musste das erst lernen. In seiner Kindheit war beim Mittagessen zum Reden keine Zeit, schnellschnell musste es gehen, die Eltern mussten in die Küche und an den Tresen zurück. In Eickum, nicht weit von Herford, hatten sie das, was Wöhler eine Gaststätte nennt: mehr als eine Kneipe, weniger als ein Restaurant. Schnitzel, Bratwurst, Hähnchen, das waren die Renner, nicht zu vergessen die Matjes, für die Wöhlers 20 Jahre ältere Schwester noch heute berühmt ist: vier Töpfchen Sahne gibt sie in die Sauce. Mit sechs zapfte ihr kleiner Bruder das Bier für die Gäste, im Festsaal hat er seine ersten Auftritte gehabt, schon als Kind war er ein Entertainer, der die Familie zum Lachen brachte. Aber auch wenn er an der Quelle saß – viel später als seine Freunde erst hat er seine erste Zigarette geraucht, sein erstes Bier getrunken. „Ich konnte den Gestank nach Bier und Rauch nicht ertragen.“

Beim Essen war er weniger zurückhaltend. Wenn er als Teenager abends aus dem Jugendclub zurückkam, schmiss er sich zwei Bratwürste in die Fritteuse, dazu gab’s Kartoffelsalat. Mit 18 hatte er die 100-Kilo-Grenze durchbrochen. In der „Wöhlerei“, wie er die Familie nennt, ist niemand wirklich schlank, aber das ist nicht der einzige Grund für seine stramme Figur. Wöhler war gerade acht, als seine Mutter starb. Danach hat er sich das Essen reingestopft, nicht, weil es ihm besonders schmeckte oder er wirklich Lust auf etwas hatte, sondern weil es ihn tröstete. „Wenn ich was zu kauen hatte, ging’s mir gut.“ Als Sänger auf der Bühne kokettiert der kleine Ostwestfale heute mit seiner Figur. Als Schüler fand er es gar nicht lustig, als Fettsack gehänselt zu werden. „Ich habe da als Kind sehr drunter gelitten.“ Dass er in der Wohngemeinschaft später Porky genannt wurde („ich war der kleine Dicke aus Lassie“), scheint ihn nicht mehr gestört zu haben.

Zu Hause haben ihn alle Peter gerufen. Dass er auch noch Gustav heißt, hat er erst nach dem Tod seines Vaters – seines „Vadders“ – erfahren. Wie man so blöd sein kann, als Schauspieler auf so einen Namen zu verzichten, hat die Sekretärin an der Schauspielschule ihn gefragt. Blöd war er nicht. Seitdem also: Gustav Peter Wöhler. Seine Freunde nennen ihn Gustav.

Inzwischen ist der Darsteller 87 Kilo leicht. Ein „gewissenhafter Esser“ sei er geworden: keine Käsestullen mehr zwischendurch, sondern Käse pur zum Dessert, Torten in Maßen, keine Kartoffeln zum Steak. Das Vergnügen an der Sünde aber ist ungebrochen. Wöhler strahlt: „Womit man mich immer kriegen kann, ist Grünkohl mit Pinkel,“ überhaupt mit Hausmannskost, „weil das so viele Erinnerungen weckt“. Auch wenn er nie Wirt werden wollte, privat ist er so gerne Gastgeber wie Gast, außerdem leidenschaftlicher Schnippler und Spüler. „Schmutziges Geschirr kann - ich - nicht - ertragen!“ deklamiert er mit gefletschten Zähnen und grinst. Bei einem geselligen Abendessen können die Teller so lange auf dem Tisch stehen, wie man zusammensitzt. Aber spätestens am nächsten Morgen stürzt er sich ans Spülbecken, „das ist für mich wie Meditation“. Dass die meisten Leute heutzutage Spülmaschinen haben, bedauert er zutiefst, da bleiben ihm ja nur noch Töpfe und Gläser, „schruppschrupp“ sagt er und lacht.

Ein Koch ist er nicht, nicht wirklich. Auch wenn er mit Hingabe Zwiebeln schneidet, Kartoffeln schält – zum eigentlich Garen fehle ihm die Geduld. Außerdem können seine Nachbarn das viel besser, findet er. Seit Ewigkeiten schon wohnt der Schauspieler in einer Hausgemeinschaft in Hamburg an der Alster, zusammen mit Leuten von Theater und Film. „Seitdem bin ich der glücklichste Mensch der Welt.“ Es ist wie eine Wohngemeinschaft, nur dass jeder statt eines Zimmers eine ganze Wohnung hat, man feiert zusammen Weihnachten und Silvester und kocht immer wieder gemeinsam, heute bei Marie-Therèse, morgen bei Matthias – und übermorgen bei Gustav.

Wie andere Speisen zu ihrem Namen kamen, kann man nachlesen in den Büchern „Lord Sandwich und Nellie Melba“ (Piper Taschenbuch, 7,90 Euro) und „Von Absinth bis Zabaione“ (Fischer Taschenbuch, 8,90 Euro).

Das Landhauscafé ist in 24647 Wasbek, Hauptstr. 32, Tel. 04321/62516.

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