Zeitung Heute : „Mein Schatz, du hast ein böses Maul!“

Mileva kannte Albert, ihren Mann. Autoritäten akzeptierte er sein Leben lang nicht. Das ging schon in der Schule los

David Chotjewitz

Irgendwann im Winter 1894/95 sitzt ein junger Mann, eigentlich noch ein Jugendlicher, grade Fünfzehnjähriger, im Zug von München Richtung Italien. Er ist auf dem Weg nach Mailand, zu seiner Familie. Aber entscheidend ist für ihn im Augenblick vermutlich, was er hinter sich gelassen hat: Die griechische Grammatik, das Gymnasium, Ordinarius Dr. Degenhardt. Er hat nicht viel Gepäck dabei, sicher sein geliebtes Geometriebüchlein, Maxwells Werk über Elektromagnetismus, außerdem ein ärztliches Attest, dass er aufgrund einer Nervenzerrüttung einen halbjährigen Erholungsurlaub von der Schule brauche, und ein Zeugnis seines Mathematiklehrers, dass seine Kenntnisse in diesem Fach außerordentlich seien. Aber wird dieses Zeugnis in Italien oder der Schweiz anerkannt werden? Wird er damit studieren können?

Die letzten Monate müssen quälend gewesen sein. Die Krise, die Albert bewältigen musste, begann kurz nach seinem fünfzehnten Geburtstag, als er erfuhr, dass die Firma seines Vaters vor dem Konkurs stehe, die Fabrik verkauft werden müsse. Alberts Vater Hermann leitete zusammen mit dem geliebtem Onkel Jakob einen elektrotechnischen Betrieb. Die beiden waren erfindungsfreudig, aber offenbar keine guten Geschäftsleute: Nachdem das Familienvermögen und die Aussteuern der Ehefrauen aufgebraucht waren, mussten sie alles verkaufen.

Das Familienleben bis zu diesem Zeitpunkt dürfen wir uns nicht konfliktfrei, aber innig vorstellen. Zusammen mit Onkel Jakob und seiner Frau lebte man in zwei benachbarten Häusern mit großem Garten. Ein Foto zeigt Albert, mit Gymnasiastenmütze und Uniform, im Kreis der Familie. Das Gesicht ist noch rund und kindlich, aber aus den dunklen Augen blitzt ein ironisch-spöttischer Zug – vielleicht nur, weil die rechte Augenbraue etwas höher gewölbt ist als die linke. Und man übersieht leicht, dass dieser Blick gleichzeitig auch verträumt und spielerisch wirkt.

Die familiäre Welt, die den selbstbewussten Gymnasiasten umgibt, bricht mit einem Schlag fort: Nach dem Misserfolg in München wollen die Gebrüder Einstein einen neuen Betrieb in Norditalien aufbauen, dort gibt es viel versprechende Aufträge. Die ganze Familie zieht nach Mailand, nur Albert wird in München zurückgelassen. Er soll weiter die Schule besuchen, das deutsche Abitur bekommen.

Doch seine chronischen Schulprobleme verschlimmern sich. Noch in den Aufsätzen des alten Mannes hören wir die Verzweiflung darüber: „Jede Klassenarbeit war für mich wie ein Gang zur Guillotine.“ Einstein, der seine Lehrer mit Feldwebeln und Leutnants verglich, entschied: „Lieber würde ich alle erdenklichen Strafen auf mich nehmen, als zu lernen, etwas auswendig vorzutragen.“

Es ist eine der beliebtesten Einstein-Mythen, er sei ein Sitzenbleiber gewesen, mit schlechten Noten in Mathematik. Aber er war immer ein überdurchschnittlicher Schüler, vor allem in den mathematisch- naturwissenschaftlichen Fächern – kein Wunder, da er die Freizeit damit verbrachte, geometrische Lehrsätze zu begründen und J. C. Maxwell wie einen Heiligen verehrte. Er hat unter der Schule gelitten, weil er spürte, dass hier die „Freude am Schauen und Suchen“ durch „Zwang und Pflichtgefühl“ abgetötet wurde. Er fühlte sich wohl selbst wie jenes Raubtier, von dem er später sprach: „Ich denke, dass man selbst einem gesunden Raubtier seine Fressgier wegnehmen könnte, wenn es gelänge, es mit Hilfe der Peitsche fortgesetzt zum Fressen zu zwingen …“ Bis zum Abitur standen ihm noch drei Jahre bevor, und er spürte, dass er diese drei Jahre nicht aushalten würde.

Aber gab es eine Alternative? Er wollte doch studieren und Mathematiker werden. Sollte er nach Italien, versuchen, dort die Schule abzuschließen? Er konnte kaum Italienisch, und Sprachen waren gerade sein Problem. Alles sprach dafür, in Deutschland zu bleiben, aber dort würde er, vor dem Studium, unweigerlich den Militärdienst ableisten müssen.

Dies war ein weiterer Grund für die radikale Entscheidung des Fünfzehnjährigen: In der Garnisonsstadt München gab es, mitten in den Wohnvierteln, große Kasernen. Täglich konnte er die Soldaten sehen, die auf den Höfen gedrillt wurden.

„Schopenhauers Spruch: ,Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will’, hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt“, berichtet Einstein 1930 in seinem kleinen Aufsatz „Wie ich die Welt sehe“. Denn: „Jeder handelt nicht nur unter äußerem Zwang, sondern auch gemäß innerer Notwendigkeit.“ Die letzten Monate in München scheinen zu jenen „Härten des Lebens“ gezählt zu haben, von denen er an derselben Stelle berichtet. Bis sein Ordinarius entschied: „Deine bloße Anwesenheit verdirbt mir den Respekt in der Klasse.“ Albert musste entweder klein beigeben oder die Schule verlassen. Er entschied sich für Letzteres. Wenig später trat er auch, um der militärischen Dienstpflicht zu entgehen, aus der deutschem Staatsbürgerschaft aus – und aus der jüdischen Religionsgemeinschaft.

Die Bindung zur Familie war ebenfalls weitgehend gelöst. Denn in Mailand hat sich Albert nicht willkommen gefühlt. Die finanzielle Situation war schon wieder prekär, der Vater wusste nicht, wie er dem Sohn eine teuere Ausbildung in Italien finanzieren sollte, entschied, der solle ein Studium zum Elektrotechniker absolvieren. Das lehnte Albert ab. Ein Freund der Familie aus Zürich berichtete, am dortigen Polytechnikum könnten Bewerber ohne Abiturzeugnis eine Aufnahmeprüfung ablegen. Dort lehrten berühmte Professoren, es gab modern ausgestattete Laboratorien. Schließlich sagte eine Tante zu, Alberts Studium zu finanzieren.

Und so sitzt der sechzehnjährige Albert Einstein im Sommer 1895 im Prüfungssaal der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. In den letzten Monaten ist er kreuz und quer durch Norditalien gewandert, bis nach Genua. Nun muss er feststellen, dass er die Zeit besser genutzt hätte, um Wissenslücken zu schließen.

Die Prüfung am Polytechnikum bestand aus zwei Teilen: Im ersten wurden Fachkenntnisse geprüft, Mathematik, Physik, Chemie; im zweiten die Allgemeinbildung: Literaturgeschichte, politische Geschichte, Zoologie, Botanik. Von seinen Ergebnissen in Mathematik und Physik waren die Professoren beeindruckt, doch vor allem in Zoologie und Botanik fiel der Aspirant trotz Geduld und Eselsbrücken durch.

Dann hatte Einstein Glück: Der Physikprofessor Heinrich Weber war von seiner Begabung so beeindruckt, dass er sich für ihn einsetzte. Durch Vermittlung des Direktors wurde es Einstein ermöglicht, innerhalb eines Jahres an einer liberal geführten Kantonsschule das Maturitätszeugnis abzulegen und anschließend ans Polytechnikum zu kommen.

Fast zehn Jahre später, zu Beginn des Jahres 1905, steht der inzwischen fünfundzwanzigjährige Albert Einstein, in einem etwas verschossenen, hell karierten Anzug, an seinem Stehpult in einem kleinen Büro im Berner Patentamt. Er hat das Studium abgeschlossen – wenn auch mit der schlechtesten Note seines Jahrgangs.

An der Hochschule hat sich die Geschichte des rebellischen Gymnasiasten wiederholt, er urteilte später selbst: „Um ein guter Student zu sein, muss man eine Leichtigkeit der Auffassung haben; Willigkeit, seine Kräfte auf all das zu konzentrieren, was einem vorgetragen wird; Ordnungsliebe, um das in den Vorlesungen dargebotene schriftlich aufzuzeichnen … Alle diese Eigenschaften fehlten mir gründlich, was ich mit Bedauern feststellte.“ Er war nicht bereit, die Autorität seiner Professoren anzuerkennen, schwänzte die Vorlesungen, sah nicht ein, warum er sich mit Mathematik beschäftigen sollte, da ihn doch die Physik interessierte. Bei einem heimlichen Versuch beschädigte er ein Laboratorium, verletzt sich selbst.

Und er verliebte sich in eine Mitstudentin, die hübsche, gescheite Serbin Mileva Maric. Seine Familie lehnte die Beziehung ab, doch er war nicht bereit, sie aufzugeben. Aus einem Brief an Mileva vom Oktober 1900: „Außer mit dir bin ich mit allen allein.“ Eine Ehe allerdings kam nicht in Betracht, da der Student noch keine Familie ernähren konnte.

Auch nach Abschluss des Studiums änderte sich daran nichts. Eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent konnte Einstein nicht finden, obwohl er sich im ganzen deutschen Sprachraum bewarb. Die physikalische Welt wollte den renitenten Querdenker genauso wenig anerkennen wie zuvor das Gymnasium und die Hochschule. Mileva: „Mein Schatz, du hast ein böses Maul und bist obendrein ein Jude.“

Anfang 1902 hielt sich Einstein mit Privatstunden über Wasser, während Mileva in ihrer Heimat ein uneheliches Kind zur Welt brachte, ein Mädchen, es wurde gleich nach der Geburt fortgegeben. Einstein hat seine Tochter nie gesehen. Vermutlich war es dieses Ereignis, das ihn dazu bewegte, seine Dissertation zurückzuziehen und sich um eine Stelle im Berner Patentamt zu bewerben.

Es ist oft festgestellt worden, dass der Mann, der heute als größtes Genie seines Jahrhunderts gilt, jahrelang allein, ohne Kontakt zur wissenschaftlichen Welt, an seinen Fragen zur theoretischen Physik arbeitete. Gerade diese Einsamkeit und Isolation trug aber dazu bei, dass er, frei von den Denkvorgaben der Professoren, seine außerordentliche Eigenständigkeit entwickelte. Schon als Jugendlicher und in den ersten Studienjahren hatte Einstein über die Natur des Lichts nachgedacht und über die Ätherdrift-Experimente der Amerikaner Michelson und Morley. Im Jahr 1905 dann veröffentlichte er jene Arbeiten, die unser Weltbild revolutionierten und ihn – auch wenn es noch einige Jahre dauerte – zu dem gefeierten „neuen Kopernikus“ machten, als der er in die Geschichte eingegangen ist.

Es gab sicher viele Einsteins: Den untreuen Ehemann und unzuverlässigen Vater, den begabten Geiger, den Rebellen, der noch zu seinem 72. Geburtstag mit langen Haaren und herausgestreckter Zunge provozierte, den politischen, pazifistischen Aktivisten – er ist, infolge seiner Initiative zum Bau der Atombombe, wohl der tragischste. Einstein sagte von sich, er sei ein „richtiger Einspänner“, habe „dem Staat, der Heimat, dem Freundeskreis, ja, selbst der engeren Familie nie mit ganzem Herzen angehört.“ Dahinter steckte mehr als nur Bedürfnis nach Einsamkeit. Einstein wollte nicht nur frei werden von menschlichen Bindungen: „Der wahre Wert eines Menschen bestimmt sich vor allem daraus, wie weit er Freiheit von sich selbst errungen hat.“

Womit wir wieder bei dem Jungen mit dem unbändigen Willen sind, der 1895 in einem Zug über die Alpen sitzt, mit ärztlichem Attest und Privatzeugnis seines Mathematiklehrers. Der lieber seine Zukunft riskiert, als seine geistige Freiheit. Dieser Einstein begegnet uns in allen Lebenssituationen wieder, und dieser Einstein war es wohl, der als alter Mann schmunzelnd bemerkte: „Zur Strafe für meine Autoritätsverachtung hat mich das Schicksal selbst zu einer Autorität gemacht.“

Der Autor liest am 8. April um 20 Uhr in der Buchhandlung am Bayerischen Platz in Berlin aus seinem Roman „Das Abenteuer des Denkens“. In dieser Buchhandlung kaufte auch Einstein seine Bücher, als er am Bayerischen Platz wohnte.

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