Zeitung Heute : „Mein Telefon macht Brr-Brr-Brr wie ein Puter“

Wer mehr als einmal im Kino war, hat Musik von Ennio Morricone gehört. Und wer mit ihm redet, sollte unbedingt den Ausdruck „Spaghetti-Western“ meiden.

-

Ennio Morricone, 78, erhält an diesem Sonntag den Oscar für sein Lebenswerk. Der Italiener arbeitete mit Regisseuren wie Bertolucci, Pasolini und Polanski. Er komponierte die Musik zu über 400 Filmen und wurde berühmt durch Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder die Melodien in „Es war einmal in Amerika“.

Interview: Ulf Lippitz Danke, Herr Morricone, dass Sie erst um neun Uhr hergebeten haben. Es heißt, Sie stehen jeden Morgen um fünf auf.

Um halb fünf. Aber heute ist Sonntag, und ich bin gestern spät ins Bett gekommen, da bin ich erst um sechs aufgestanden.

Seit wann haben Sie diese Angewohnheit?

Seit ich in dieser Wohnung lebe, also seit 25 Jahren. Ich brauche die Zeit. Den ganzen Tag sitze ich im Büro, also halte ich mich morgens fit. Erst mit Morgengymnastik, eine halbe Stunde. Dann gehe ich spazieren – und zwar in der Wohnung. Sie ist ja groß genug. Um halb neun beginne ich mit der Arbeit.

Waren Sie schon wach, als der Anruf aus Los Angeles kam und Sie erfuhren, dass Sie den Oscar für Ihr Lebenswerk erhalten – für Filmmusiken wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Es war einmal in Amerika“?

Umgekehrt. Der Präsident der Akademie rief an, als ich gerade zu Bett gehen wollte. Bei ihm war es wohl noch früh. Jedenfalls sagte er: Guten Morgen.

Sie sprechen kein Englisch – konnte er Italienisch?

Good morning, so viel verstehe ich noch. Dann gab er den Hörer an eine Dolmetscherin weiter. Während sie übersetzte, hörte ich den Akademiepräsidenten im Hintergrund schreien: „Bellissimo, wonderful!“ Er selbst hat noch wissen wollen, ob ich den Oscar annehme.

Haben Sie kurz daran gedacht abzulehnen – weil Sie doch so ungern reisen?

Fünfmal war ich nominiert, nie habe ich ihn erhalten. Natürlich werde ich hingehen. Auch wenn ich wirklich ungern fliege. Ich hasse es, wenn die Maschine in ein Luftloch sackt. Aber vor drei Wochen habe ich zwei Konzerte in New York gegeben und das Flugzeug hat nicht einmal gewackelt.

Was haben Sie nach dem Telefonat getan?

Telefoniert. Ich musste Dutzende Telefonate annehmen. Freunde, Regisseure, Journalisten. Am nächsten Morgen standen zwei Fernsehübertragungswagen vor der Tür. Die erste Person, die ich selbst angerufen habe, war der Präsident von Santa Cecilia, Bruno Cagli. Weil ich ihn als Musiker und Menschen schätze.

Santa Cecilia ist eines der wichtigsten Musik-Konservatorien Italiens. Dort haben Sie erst Trompete gelernt und dann Komposition studiert. Obwohl Sie Arzt werden wollten.

Ach, ich war ein kleines Kind. Mein Vater fragte mich einmal: Was willst du werden, wenn du groß bist? Ich sagte: Arzt. Nur weil mir nichts anderes einfiel. Das war nicht ernst gemeint.

Ihr Vater spielte wie Sie Trompete.

Er hat die Leidenschaft auf mich übertragen, als er mir eine Trompete in die Hand drückte. Da war ich sieben Jahre alt. Ich lernte zu spielen und begann früh, damit Geld zu verdienen. Ab 1943, damals war ich 15, habe ich in Lokalen für die deutschen, dann für die amerikanischen und kanadischen Truppen gespielt. Für die Deutschen spielte ich „Lili Marleen“, die Amerikaner wollten ihre Schlager hören.

Kurz vor dem Ende des Faschismus, das war ein kritischer Moment in Italien. Mussolini war weg, die Deutschen besetzten die Stadt, bis die Amerikaner sie 1944 befreiten.

Von meiner Terrasse in Trastevere aus habe ich den Kampf um Rom verfolgt.

Trastevere ist der alte Arbeiterbezirk von Rom.

Die Deutschen kämpften gegen die Amerikaner. Ich erinnere mich, dass auf der Straße ein Panzer außer Kontrolle geriet, gegen einen Brunnen krachte und einem Passanten die Beine zertrümmerte. Der Panzerfahrer versuchte, den Mann noch zu warnen, aber der hat ihn nicht gehört – er ist dann gestorben.

Haben Sie als Junge an Mussolini geglaubt?

Mein Vater hat Mussolini immer verteidigt – und ich habe ihm widersprochen, so wie Kinder eben manchmal widersprechen. Wenn er sagte, Mussolini müsse jetzt zu den Deutschen halten, dann habe ich gesagt, dieses Bündnis würde schlimm enden. Wobei ich mir wohl gar nicht vorstellen konnte, wie dieses Ende aussehen sollte. Dann hat Mussolini Frankreich und England den Krieg erklärt. Damals muss ich elf Jahre gewesen sein. Ich habe geweint, weil mein Vater eingezogen wurde.

Der Krieg kam auch zu Ihnen.

Zum Glück wurde Rom nur einmal bombardiert – als die Amerikaner im Juli 1943 San Lorenzo und den Bahnhof Tiburtina angriffen. Ich war gerade auf dem Land, um Brot zu besorgen. Vom Feld aus sah ich hunderte amerikanischer Flugzeuge, die Bomben auf meine Stadt warfen. Selbst aus mehreren Kilometern Entfernung sah ich die Feuer.

Im Juni 1944 kamen die Amerikaner in die Stadt.

Ein triumphaler Einmarsch. Das Brot wurde wieder weiß.

Was meinen Sie damit?

Krieg bedeutete für mich vor allem rationiertes Essen. Wir mussten oft Brot auf dem Schwarzmarkt dazukaufen. Eine ganz schlechte Qualität, es sah grau und dunkel aus. Wenn ich den Finger raufdrückte, blieb der Abdruck sofort haften. Es war wie ein Wunder, als das Brot wieder weiß wurde.

Sie waren damals 17, das muss die Zeit gewesen sein, als Sie anfingen, ins Kino zu gehen?

Ich habe noch Komposition studiert. Mitte der 50er Jahre begann ich, in Orchestern zu spielen, die Filme vertonten. Ins Kino ging ich selten. Da liefen nur Liebesfilme oder amerikanische Musicals, in denen unvermittelt irgendjemand anfängt zu singen – Filme wie „Kiss me, Kate“ oder „Ein Amerikaner in Paris“. Ich saß im Saal und fragte mich: Wieso singt der denn jetzt? Erst ab 1961, als ich selbst Filmmusik schrieb, hat sich das geändert. Da begriff ich langsam, dass Kino alle wichtigen Künste in sich vereint: Architektur, Malerei, Musik, Theater, Tanz.

1961 gaben Sie mit „Il Fedele“ Ihren Einstand als Filmkomponist.

Das war Zufall. Ich arbeitete damals im Orchester für Fernseh- und Radiokonzerte, arrangierte bereits Aufnahmen. Dem Regisseur Luciano Salce war ich dadurch bekannt – und er fragte mich, ob ich die Musik schreiben könne.

In Ihrer Karriere haben andere über Ihren Lebensweg entschieden. Ihr Vater gab Ihnen die Trompete, Ihr Lehrer am Konservatorium riet Ihnen, Komposition zu studieren – und nun Salce.

Ich war passiv, weil ich es nicht besser wusste. Am Konservatorium entdeckte mein Maestro das Talent, von dem ich nichts ahnte. Dass ich komponieren kann, kriegte ich erst mit, als ich merkte, dass meine Stücke besser als die des Lehrers wurden – und sie immer allen anderen Studenten als Vorbild vorgespielt wurden. Mit Film hatte ich mich einfach nicht beschäftigt, als Salce auf mich zukam. Es war ein Auftrag. Weil vielen das Ergebnis gefiel, entwickelte sich daraus eine Karriere.

Und Leidenschaft?

Die wurde regelrecht entfesselt. Ich liebe Kino.

Es gibt zwei Methoden, Filmmusik zu schreiben: nach dem Drehbuch oder nach dem Dreh.

Mir ist das gleich. Manchmal dreht ein Regisseur einen Film zu Ende und weiß nicht, wen er für einen Soundtrack anrufen soll. Dann ruft er mich an.

Finden Sie das gut?

Hauptsache, er lässt mir genug Zeit zum Arbeiten. Als Minimum brauche ich 40 Tage, um die Musik zu komponieren. Dann muss der Kopist kommen und die Notenblätter schreiben. Am Ende folgt die Aufnahme im Studio.

Sie haben in einer großartigen Periode des italienischen Kinos gearbeitet, in den 60er und 70er Jahren, mit Regisseuren wie Fellini, Pasolini oder Leone. Da herrschte eine Aufbruchstimmung – im Gegensatz zum heutigen Kino in Italien.

Ich habe einfach meine Arbeit gemacht. Vom Kinowunder habe ich damals nichts bemerkt. Heute macht man ebenso gute Filme in Italien, nur sie kommen nicht mehr so gut beim Publikum an. Über die erfolgreichen Filme heute kann ich nur lachen. Diese Scheußlichkeiten, die jedes Jahr zu Weihnachten ins Kino kommen.

Sie meinen die italienischen Brachialkomödien – Kassenschlager vergleichbar mit den „7 Zwergen“ in Deutschland.

Ja. Sie zielen darauf ab, die Invasion der amerikanischen Filme zu bekämpfen. Künstlerisch sind sie minderwertig. Das italienische Kino wird Hollywood geopfert.

Gehen Sie noch ins Kino?

Nicht oft. Der letzte gute Film, an den ich mich erinnere, war „Million Dollar Baby“ von Clint Eastwood – und das ist schon zwei Jahre her.

Können Sie dann Ihren Beruf vergessen?

Nein. Automatisch läuft im Hintergrund mein Wissen mit – ist die Musik gut oder schlecht gemacht? Nur werde ich mich nicht über Kollegen äußern.

Clint Eastwood wurde der Schauspieler mit Filmen wie „Für eine Handvoll Dollar“ bekannt. Der italienische Regisseur Sergio Leone hat darin einen Mythos des amerikanischen Films nacherzählt, den Western, Sie schrieben die Musik dazu.

Amerika hat sich dafür gerächt. Die historische Sprache des Westerns, verpackt in ein exzellentes Produkt aus Italien. Unmöglich! Also haben sie den Begriff „Spaghetti-Western“ erfunden – ein dermaßen verachtendes Wort. Ein Kunstwerk mit einem Essen zu vergleichen! Ich kann mich noch heute darüber aufregen.

„Spiel mir das Lied vom Tod“ gilt inzwischen als Klassiker des europäischen Kinos. Wie kamen Sie eigentlich auf diese Idee mit der Mundharmonika?

Gar nicht, sie stand im Drehbuch. Der Junge, auf dessen Schulter der Bruder am Galgen hängt, weiß, wenn er zu Boden fällt, stirbt der Bruder. Der Bandit, gespielt von Henry Fonda, drückt ihm eine Mundharmonika zwischen die Zähne, der Junge atmet durch das Instrument – und dabei entsteht die Melodie. Die Melodie, das Thema, das stammt von mir. Eines meiner besten Stücke.

Ihre Soundtracks schreiben Sie sofort auf Papier – ohne ein Instrument zu benutzen?

Ich kontrolliere höchstens, ob die Noten stimmen. Das Klavier benutze ich nur, wenn ich dem Regisseur vorspiele, was ich geschrieben habe.

Was haben Sie im Kopf, wenn Sie Musik schreiben?

Die Bilder, die entweder der Film vorgibt – oder Notizen des Regisseurs, aus denen ich mir ein Bild zusammensetze. Das reicht mir.

Die französische Pianistin Hélène Grimaud übt ihre Klavierstücke im Kopf ein, während sie lange Spaziergänge unternimmt.

Ideen für Musik kommen bei den unmöglichsten Gelegenheiten – wenn ich mich rasiere, wenn ich durch die Wohnung gehe oder im Schlaf. Deshalb versuche ich, alle Einfälle sofort aufzuschreiben.

Sie hören dann auf, sich zu rasieren?

Das nicht, ich versuche mich zu konzentrieren, die Idee im Kopf zu behalten und sie sofort aufzuschreiben, wenn ich fertig bin. Auf meinem Nachttisch liegen immer einige leere Blätter Papier – für den Fall, dass ich aufwache und eine Idee habe.

Und so ist ein berühmter Soundtrack entstanden?

Leider nicht. Aber ich erinnere mich sehr deutlich, wie ich die Musik für Bernardo Bertoluccis Film „1900“ entworfen habe – und zwar während des ersten Sehens. Auf mich hat der Film einen so starken Eindruck gemacht, dass mir noch im Kinosaal die ersten Ideen kamen. Ich habe im Dunkeln geschrieben. Dafür habe ich ein System entwickelt. Wollen Sie sehen, wie ich das mache?

Ja, bitte.

Geben Sie mir ein Blatt Papier und einen Stift. Gut, jetzt schließe ich die Augen. Es ist also genauso dunkel wie im Kino.

Sie schreiben nur Noten auf, keine Worte?

Was glauben Sie denn? Ich denke in Noten.

Der amerikanische Komponist John Cage steht auch um fünf Uhr morgens auf, dann redet er zwei Stunden mit seinen Pflanzen. Haben Sie ein ähnliches Ritual, um sich auf die Arbeit vorzubereiten?

Ich lese Zeitung. Zuerst den Politikteil, danach werfe ich einen Blick auf den Sport, um zu sehen, was der AS Roma so treibt. Manchmal spiele ich gegen den Schachcomputer.

Was mögen Sie am Schach?

Die Logik, die Unbestechlichkeit. Schach ist Krieg – aber ohne Blut und ohne Tote. Und man respektiert seinen Kontrahenten.

Haben Sie mal gegen Regisseure gespielt, mit denen Sie zusammengearbeitet haben?

Nein, vor vier Jahren habe ich einmal gegen den früheren Schachweltmeister Boris Spasski gespielt und ein Unentschieden erreicht. Er hat schwach gespielt an jenem Tag, ein Champion sollte nicht so schlecht spielen, dass ich gewinnen kann. Als er sah, dass das passieren könnte, fragte er, ob ich ein Unentschieden annehme. Ich habe zugestimmt.

Hören Sie Musik, um sich zu entspannen?

Fast nie. Ich gehe mit meiner Frau zu Konzerten ins Konservatorium Santa Cecilia. Zu Hause höre ich Platten oder CDs, wenn mich Freunde um eine Meinung dazu bitten. Oder wenn ich das Okay für einen Soundtrack geben muss. Selten höre ich Musik aus der Vergangenheit.

Und wenn doch?

Dann zeitgenössische Klassik. Goffredo Petrassi, Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez.

Sie mögen es ruhig.

Hören Sie Lärm hier?

Die Gläser klirren die ganze Zeit auf dem Tisch.

Das kommt daher, weil das Fundament des Hauses flexibel ist. Aber Sie hören nicht den Verkehr, nur ein dezentes Rauschen, obwohl jeden Tag tausende Autos an der Piazza Venezia vorbeifahren – und das teils auf Kopfsteinpflaster. Wir haben extra dicke Fensterscheiben einbauen lassen.

Gibt es Geräusche, die Sie nicht ertragen?

Das Klingeln des Telefons. Seit es immer öfter klingelt, stört es mich. Vielleicht liegt es auch am Ton. Er lenkt mich so ab, wenn ich mich gerade entspanne oder an einer Idee arbeite. Dann macht es Brrrrrrrrr oder Brr-Brr-Brr – wie ein Truthahn.

Wenn heute die Oscar-Verleihung vorbei ist, auf welche Party gehen Sie?

Ich weiß nicht, es wird wohl eine große Party für alle Preisträger geben. Aber am nächsten Tag will ich sowieso zurück nach Rom.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben