Zeitung Heute : "Mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends"

INA BOCKHOLT

Von Augsburg bis Berlin feiert die Republik den 100.Geburtstag Bertolt Brechts - Überblick über einen VeranstaltungsmarathonVON INA BOCKHOLTEs ist vollbrecht? Nein, noch immer gibt es offenbar Neues von und über den armen reichen Bertolt Brecht.Das betrifft nicht nur die Skandale aus seiner "Literaturwerkstatt", wie sie der Biograph John Fuegi enthüllte, sondern auch Aspekte im künstlerischen Werk.Zum 100.Geburtstag des Dichters am 10.Februar werden über 250 nationale und internationale Veranstaltungen angekündigt.Zelebrationszentren sind die Geburtsstadt Augsburg und Berlin, wo der Autor das Theater verfremdete und 1956 starb. Weil der Suhrkamp-Verlag im letzten Jahr mit dem zehnten Band seiner Brecht-Ausgabe Fragmente und nachgelassene Stücke publiziert hat, können Bühnen aus einem erweiterten Textfundus schöpfen.So wird am heutigen Sonntag das frühe, unvollendete Stück "Hans im Glück" im kleinen TiK des Hamburger Thalia Theaters rund 80 Jahre nach seiner Entstehung uraufgeführt.In der Jubiläumssaison spielen die deutschen Theater mit über 150 Brecht-Produktionen doppelt so viele Dramen des Autors wie in anderen Jahren.Spektakulär dürfte die vom Berliner Ensemble erstmals zum Theaterstück umgearbeitete Rundfunkoper "Der Ozeanflug" sein, die am 28.1.von Robert Wilson inszeniert wird.Noch weitere Projekte sind hier geplant: 14.2., "Die großen Städte erwarten das dritte Jahrtausend".3.3., "Brecht erst jetzt" mit Corinna Harfouch.Mit Klaus Löwitsch in der Rolle des Azdak wird im Deutschen Theater am 29.3.ein kanonisiertes Stück inszeniert: "Der kaukasische Kreidekreis", Regie: Thomas Langhoff.Schon vorher, am 15.1., hat hier der gemeinsame Abend von Ekkehard und Johanna Schall, Vater und Tochter, "Eins gegen eins oder ich hab recht" seine Berliner Premiere.Für November kündigt das Maxim Gorki Theater eine Premiere von "Der gute Mensch von Sezuan" mit Katharina Thalbach an. Das Berliner Literaturforum im Brecht-Haus lädt am 16.1.zu der Diskussion "Deutschland gegen Bertolt Brecht" mit Sabine Kebir, Gina Pietsch und Jürgen Beyer ein.Am 23.1.wird hier die Ausstellung "Brechts Ostasien" von Antony Tatlow eröffnet.In Kooperation mit dem Literaturforum will der Bayerische Rundfunk am 3.2.eine Diskusssion entflammen unter dem Titel "Den Vorhang zu? Bertolt Brecht und das Theater von heute". Im Berliner Ensemble steigt am 21.1.die "Nacht der Fliegerfilme".Hier geben Klaus Theweleit und Günther Heeg noch bis zum 22.6.sechs weitere "Brecht-Schulungen".Zusammen veranstalten Literaturforum und Berliner Ensemble die "Brecht-Tage 1998".Beim "Abend der Editoren" am 6.2.werden im Brecht-Haus Werner Hecht, Jan Knopf, Klaus Völker und Albrecht Klöpfer von ihrer Forschungsarbeit erzählen.Am selben Ort gestalten am 7.2.Christoph Schlingensief und andere den "Nachmittag der Regisseure".Es folgt der "Abend der Biographen" mit John Willett, Regula Venske, Carl Pietzker und Sabine Kebir. Am 8.2.hält der Regisseur Adolf Dresen im BE einen Vortrag über "Brechts Jahrhundert".Am 9.2.erinnert das BE beim "Abend des Films" an frühere Zeiten des Theaters am Schiffbauerdamm.Zu späterer Stunde lesen in der "Nacht der Dichter" Volker Braun, Rainer Kirsch, Karl Mickel, Heinz Czechowski, B.K.Tragelehn und Peter Gosse.Am eigentlichen Jubiläumstag, dem 10.2., werden am Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof "Blumen für Brecht" niedergelegt.Anschließend hat dann beim "Vormittag der Literaturwissenschaftler" die Forschung das Wort.Und noch am folgenden Tag, am 11.2., verhandeln die Professoren Karl-Heinz Barck, Klaus Scherpe und Jörg Zimmermann die "Ästhetische Theorie und Philosophie bei Bertolt Brecht". Die Berliner Akademie der Künste zeigt im Januar vor allem Filme, unter andem am 11.1."Die Dreigroschenoper" (1930/31), am 14.1."Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt" (1932), am 18.1."Galileo" (1947), und am 25.1."Mutter Courage und ihre Kinder" (1960).Am 25.1.eröffnet die Akademie ihre große Brecht-Ausstellung "...und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends.22 Versuche, eine Arbeit zu beschreiben".Es sprechen György Konràd, Erdmut Wizisla, Christoph Hein, Kerstin Hensel und Stefan Heym.Ein Gespräch "über das Arbeiten mit Brecht" führen am 28.1.Benno Besson, Angelika Hurwicz, Egon Monk, Peter Palitzsch und B.K.Tragelehn.Aus Texten, die "Zeitgenossen über Brecht" schrieben, lesen Peter von Becker, Albert Ostermaier, Lena Stolze und Matthias Zschokke am 1.2..Thesen "Über das Annehmen von Vorschlägen" werden von Reinhard Baumgart, Friedrich Dieckmann, Werner Hecht, Henning Rischbieter und Klaus Völker am 4.2.zur Diskussion gestellt.Und aus der Lyrik rezitieren am 8.2.u.a.Volker Braun, Eugen Gomringer, Oskar Pastior.Mit einer öffentlichen Veranstaltung gratulieren György Konràd, Roman Herzog und Peter Härtling am 10.2."Bertolt Brecht zum 100.Geburtstag".Und im Märkischen Museum eröffnet am 6.2.die Ausstellung "Brecht und Neher". Beinah täglich wird in Augsburg des berühmten Bürgers gedacht.Auch hier ist bis zum 18.1.eine Ausstellung über Brechts Bühnenbildner Caspar Neher in den Städtischen Kunstsammlungen zu sehen.Für die Augsburger "Brechtwoche" vom 8.-15.2.stehen zahlreiche Gastspiele und Ausstellungen auf dem Programm."Wir heißen beide Anna" - so heißt der Titel einer Brecht gewidmeten Deutschland-Tournee von Meret Becker und Nina Hagen, die am 22.2.von Augsburg aus startet.Mit eigenen Liedern und Brecht-Songs zieht am 21.3.Konstantin Wecker noch einmal nach.Am 19.5.wird der Augsburger Brecht-Preis (letzter Preisträger war Franz Xaver Kroetz) an Robert Gernhardt verliehen. In München, wo Brecht seine Theaterkarriere begann, ist das Festprogramm bescheiden.Vom 2.-5.2.werden im Gasteig Aufzeichnungen verschiedener Filme vorgeführt, bei denen Brecht-Tochter Hanne Hiob mitgewirkt hat.Am 7.2.veranstaltet das Residenztheater eine "Internationale Brecht-Nacht" mit Klaus Emmerich und Mario Adorf. Mit der großen Retrospektive "alles was Brecht ist" machen 3sat, S2 Kultur und der Suhrkamp-Verlag derzeit viel mediales Archivmaterial von und über Brecht aus der Weimarer Republik, dem Exil, der DDR und der Bundesrepublik sicht- und hörbar.Zwischen Spielfilmen, Aufzeichnungen von Theater- und Fernsehinszenierungen sind aktuelle Dokumentationen eingestreut, aber auch historische Diskussionen wie die 1968 zwischen Claus Peymann, Theo Otto und anderen geführte Debatte über die Frage "Wie werden die Stücke Brechts morgen inszeniert?" (3sat, 15.1.).Neu produzierte Beiträge wie "Bertolt Brechts Kriegsfibel" (1998) (3sat, 24.1.) haben im TV genauso einen Platz wie im Radio.Vielversprechend klingen hier die Beiträge, u.a."Der geteilte Brecht? Über den Umgang mit Bert Brecht in Ost- und Westdeutschland" (1998) (S2, 30.1.).Auch der Deutschlandfunk anonciert vom 7.2.-31.3.mehrere Ursendungen und das 1996 mit O-Tönen produzierte Feature "Arbeitsplatz bei Brecht: Elisabeth Hauptmann", in dem die 1973 verstorbene Mitarbeiterin Brechts, die inzwischen als Hauptautorin u.a.der "Dreigroschenoper" gilt, vom spannungsvollen Verhältnis erzählt (17.3.).

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