Meine Frau, ihr GARTEN… : Heiße Herzen in der großen Kälte

Vögel haben eine drei Grad höhere Körpertemperatur als Menschen. Mindestens, es können sogar noch mehr sein. Und sie können es jetzt gut brauchen, so ein kleines heißes Herz.

…,ich

Ich bin eigentlich nicht so der Vogelfreund. Im Sommer habe ich sogar mal ein Netz über den Kirschbaum gelegt, damit die da bloß nicht alles wegfressen. Meine Frau fand das ziemlich albern – so wie meine Angewohnheit, im Juni spätestens im Morgengrauen das Fenster zu schließen. Aber ich mag Kirschen. Und ich kriege kein Auge mehr zu, wenn die gefiederte Bande draußen krakeelt. Vergeben und vergessen. Im Garten hat der Schnee alles verschluckt, kein Piep ist da zu hören. Ich mach mir Sorgen.

In England hat die Königliche Vogelschutz-Gesellschaft sogar schon den Notstand ausgerufen. Unter der Überschrift „The Big Freeze“ wurde im „Independent“ zum Vogelfüttern aufgerufen. Befürchtet wird ein Desaster wie 1962/63, damals überlebten nur elf Paare des Dartford Warblers den Dauerfrost. Und der britische Sperlingsvogel hat sich von diesem Schlag bis heute nicht richtig erholt.

Deutsche Vogelschützer sind in dieser Frage zerstritten. Die einen füttern noch im Sommer die Tauben. Die andern glauben an die natürliche Auslese. Aber selbst eisenharte Darwinisten räumen ein: Ist die Schneedecke geschlossen und friert es seit einer Woche, dürfe man mal ein paar Körner spendieren.

Wir haben also eine Packung Körnerfutter gekauft. „Winterspaß“ steht auf der Tüte, klingt irgendwie zynisch. Schließlich kämpfen die da draußen ums Überleben. Oder ist gar schon alles zu spät? Wenn ich es mir recht überlege, habe ich ewig keinen Vogel mehr gesehen. Dabei habe ich mich ganz genau an die Anleitung des Naturschutzbundes Nabu gehalten: Futter nicht verstreuen, sondern in einem kleinen Silo servieren. Sonst laufen die Viecher darin herum und einer infiziert den anderen mit irgendwelchen Keimen. Außerdem muss ringsum freie Sicht sein, damit der Vogel nicht selbst zum Futter wird für Nachbars Katze.

Wo ist er nur, der Eichelhäher aus dem Sommer? Hat er es etwa nicht nötig? Eichelhäher sind nämlich schlau, die legen Depots für den Notfall an. Wo ist das Amselpaar, das sonst immer in der Forsythie hockt? Abgereist in den Süden? Und wo sind die Meisen? Forscher haben herausgefunden, dass eine Meise in einer Frostnacht bis zu zehn Prozent ihres Körpergewichts verliert. Also habe ich sicherheitshalber noch ein paar Meisenknödel gekauft und so einen fettigen Talgring.

Viel besser sei es ja, schreibt der Nabu, wenn man seinen Garten von vornherein so anlegt, dass Vögel was zu futtern finden. Da könnte was dran sein. Woher soll die Meise wissen, dass es bei uns jetzt was zu holen gibt? Wahrscheinlich hätte ich einfach ein paar Kirschen hängen lassen müssen. Ach, das Vogelgezwitscher, irgendwie fehlt’s mir. Andreas Austilat

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