Meine Frau, ihr GARTEN… : Hundefernseher & Futterarrangements

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Ich lag gerade ganz ruhig auf dem Sofa neben dem großen Fenster, hinter mir der tief verschneite Garten, in dem es im Moment absolut nix zu tun gibt, als ich meine Frau hörte. „Achtung“, presste sie zwischen den kaum geöffneten Lippen hervor, „beweg dich jetzt nicht.“ – „Schatz“, wandte ich ein, „tu’ ich doch gar nicht.“ – Sie legte einen Finger auf den Mund und zuckte leicht mit dem Kopf Richtung Fenster. Ein Rotkehlchen. Im gleichen Moment, in dem ich es sah, flatterte es allerdings auch schon auf. „Mann“, sagte meine Frau jetzt mit klar vernehmlicher Stimme, wobei nicht ganz klar war, ob sie enttäuscht oder verärgert war, „du hast es verscheucht.“ So oder ähnlich geht das schon seit Tagen.

Es hatte alles damit angefangen, dass meine Frau draußen wieder das kleine Vogelhäuschen anbrachte. Da hing es dann, nur Vögel kamen keine.

„Vielleicht haben die was Besseres vor, vielleicht gibt es irgendwo noch Beeren zu ernten“, sagte ich. Nun, sie waren tatsächlich woanders, bei unseren Nachbarn gegenüber nämlich. Auf ihrer Terrasse hatten sie ein Vogelhaus aufgestellt, deutlich größer als unseres, auf einem dreibeinigen Gestell aus kleinen Birkenstämmen. Was sich dort abspielte, könnte man eine Vogelparty nennen. Meisen, Rotkehlchen, Amseln, ganze Schwärme flatterten auf, setzten sich nieder, pickten und waren trotz bitterer Kälte offenbar bester Laune. Meine Frau nahm das irgendwie persönlich.

Anderntags hatten wir auch ein größeres Vogelhaus, es kam allerdings immer noch niemand. „Du musst Werbung machen“, sagte ich zu meiner Frau im Scherz. „Mache ich längst“, antwortete sie und zeigte auf die Futterspuren, die sie im Schnee ausgelegt hatte.

Ein bisschen Hoffnung schöpfte sie, als sich endlich mal eine Amsel niederließ. „Wirst sehen,“, sagte sie, „das spricht sich rum in der Vogelwelt.“ Tatsächlich schaute jetzt ab und zu mal einer rein, blieb aber nie lange.

Eine Weile hatte ich den Verdacht, dass es mit Duffy zu tun haben könnte, unserem Hund. Die Bank vor dem Gartenfenster ist sein Lieblingsplatz. Dort kann er stundenlang liegen und raus starren. Das Fenster ist so etwas wie sein Hundefernseher. Die Vögel können ihn dort natürlich auch sehen. Duffy, das kluge Tier, muss allerdings instinktiv erkannt haben, was von ihm erwartet wird. Wann immer er auf der Fensterbank Platz genommen hat, liegt er da, wie ein ziemlich toter Hund. Sein Abschreckungspotenzial geht gegen null.

Es könnte am Futter liegen. Im Baumarkt verkaufen sie jetzt Futterarrangements, die sind so kunstvoll aufgesteckt wie ein Hotelbüfett der gehobenen Klasse. Sie kosten allerdings auch so viel. Egal, so kann es jedenfalls nicht bleiben. Der Hund und ich, wir können doch nicht dauernd wie tot im Wohnzimmer rumliegen. Andreas Austilat

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