Meine Frau, ihr GARTEN … : In der Berliner Tundra

…,ich

Neulich war ich im Botanischen Museum in der Königin-Luise-Straße in Dahlem. Im Foyer haben sie da einst ganz wunderbare Dioramen in die Wand eingelassen, kleine Landschaften im Puppenstubenformat eins zu zehn. „Tundra im nördlichen Kaukasien“ steht unter einem der Glaskästen, „zweitgrößte Vegetationszone der Erde“. Donnerwetter. Kam mir auch irgendwie vertraut vor, die Landschaft, obwohl es sich ja erklärtermaßen um etwas Sibirisches handeln muss. Von graugrünen, filzigen Büschen war da die Rede, von zwergwüchsigen Birken und moorigen Böden.

Ganz genauso sieht es im Moment bei uns zu Hause im Garten auch aus. Seit es getaut hat, wird es nicht mehr lange dauern, bis sich der Rasen in ein Moor verwandelt. Filzige Büsche haben wir eine ganze Menge, und eine Zwergbirke auch. Nördliche Tundra, da bin ich im Moment zu Hause.

Ich mag das Botanische Museum. Ich glaube auch, dass es unterschätzt wird. Einmal, ist schon ein paar Jahre her, durfte ich in den Keller des Hauses. Dort bewahren sie im Archiv ganz unglaubliche Schätze auf. Blüten, Blätter, Früchte und Hölzer, unter unsäglichen Mühen von wagemutigen Forschern beschafft. Zum Beispiel von Johann Reinhold Forster, der mit seinem 17-jährigen Sohn Georg an Bord von Cooks Schiff HMS Resolution vor über 200 Jahren die Welt umsegelte. Oder eines meiner Lieblingsstücke, die Blätter der Paranuss, von Alexander von Humboldt seinerzeit eigenhändig gepflückt. Das heißt, vielleicht hat er sie auch auf einem Indio-Markt gekauft. Wer kann das schon überprüfen? Jedenfalls brachte er die erste Paranuss nach Europa.

Leider kann man die dort zurzeit nicht sehen. Dafür haben sie eine andere interessante Ausstellung, die noch bis Ende Februar gezeigt wird: „The Oldest Living Things in the World“, eine Schau der Amerikanerin Rachel Sussman, die fünf Jahre um die Erde reiste, um die ältesten Lebewesen der Welt zu fotografieren. Mindestens 2000 Jahre alt sollten sie sein, und immer noch am Leben.

Gut, dazu zählen auch Bakterien, die zwar schon eine halbe Million Jahre auf dem Buckel haben, sind aber eben auch nur Bakterien. Finde ich nicht so spektakulär. Aber diese 9550 (!) Jahre alte zerrupfte Fichte, die Rachel Sussman in Schweden gefunden hat, Respekt. Oder die Welwitschia Mirabilis, die schon ein bisschen schlapp auf dem namibischen Wüstenboden liegt, wer will es ihr nach 2000 Jahren verübeln, dass da mal die Kraft nachlässt.

Wenn ich unseren Garten jetzt so sehe, denkt man doch, hm, ob das wieder was wird. Da machen einem Rachel Sussmans Bilder richtig Mut. Muss man sich doch mal vorstellen, was der Fichtengreis schon alles hinter sich haben muss an Temperaturschwankungen und Dürreperioden. Das bisschen Winter, das wird schon wieder. Andreas Austilat

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