Zeitung Heute : „Meine Mutter hat gezittert. Ich habe mich für sie geschämt.“

Vieles spricht dafür, dass ein Krieg im Irak bevorsteht. Dieter Wellershoff war Soldat, vor 60 Jahren. Er erzählt von späten Albträumen, dem Tod auf dem Schlachtfeld und seiner zweiten Geburt.

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Mit seinem Bestseller „Der Liebeswunsch“ feierte Dieter Wellershoff, 77, vor zwei Jahren einen späten, aber überragenden Triumph: Der Schriftsteller, in der Literaturszene längst anerkannt, wurde nun von einem großen Publikum entdeckt. Wellershoff gilt als der Theoretiker seiner Generation, in den 60er Jahren entwickelte er den „neuen Realismus“ und forderte, das alltägliche Leben müsse auch in der GegenwartsLiteratur stattfinden. Wellershoff arbeitete als Lektor im Verlag Kiepenheuer & Witsch, sein erster Roman erschien 1966. Der Gymnasiast wurde 1943 zum Arbeitsdienst und dann als Infanterist eingezogen, 1944 in Litauen verwundet. 1945 geriet er in Kriegsgefangenschaft. Über diese Erfahrungen schrieb er 1995 sein Buch „Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges“.

Interview: Stephan Lebert und Norbert Thomma; Foto: Alfred Jansen Herr Wellershoff, der 13. Oktober 1944, ein Freitag…

…war ein klarer Herbsttag. Das Wetter war schön. Ich weiß noch gut, dass wir einen Tag vorher irgendwo Halt machten, an einer Molkerei. Das war schon mitten im Kriegsgebiet. Es gab da Milch und jede Menge Käse. Aber man sagte uns: Schlagt euch bloß nicht den Bauch voll! Denn wenn ihr einen Bauchschuss bekommt, seid ihr gleich tot.

So wurde geredet?

Ja, das war Klartext. Volle Därme und ein Bauchschuss: Das war das Ende.

Sie waren Soldat, 18 Jahre alt.

Meine Kompaniekameraden waren alle zwischen 17 und 19 Jahre alt. Am Morgen, bei Angriffsbeginn zählten wir 150 Mann. Am Abend waren nur noch 30 Leute einsatzfähig, alle anderen waren verwundet oder tot. Es handelte sich bei dieser Offensive, an der zwei Divisionen teilnahmen, um den letzten Versuch, von Ostpreußen aus eine Verbindung zu der eingeschlossenen Kurlandarmee herzustellen. Mit völlig unzulänglichen Mitteln. Wir wurden verheizt für eine militärische Illusion. Das Wort „Schlachtfeld“ hat da für mich seinen anschaulichen Sinn bekommen. Überall lagen Tote und Sterbende. Vor einigen Jahren traf ich einen Kompanie-Kameraden wieder, der an diesem Tag Melder gewesen war. Er war noch immer so geschockt von dem, was er gesehen hatte, dass er an einem Freitag, dem 13., dem Datum des Desasters, niemals sein Haus verlässt.

Sie bekamen einen Granatsplitter in den Oberschenkel. Später haben Sie einmal erzählt, Sie hätten laut geschrien. Aber nicht aus Schmerz, sondern vor Wut.

Es war im Augenblick für mich so, als hätte mich jemand mit einer Pickhacke ins Bein geschlagen. Ich bin dann rückwärts weggekrochen, das verwundete Bein auf dem anderen, immer in der Erwartung, gleich wieder getroffen zu werden.

Wenn Sie zurückblicken: Was war in diesem Augenblick Ihr zentrales Erlebnis?

Der Wunsch wegzukommen und zu überleben. Wir waren mit mulmigem Gefühl über eine weite freie Fläche auf einen Wald zugegangen, in dem die Russen saßen. Plötzlich stiegen Leuchtkugeln auf, und wir hörten schon die Abschüsse der russischen Artillerie und der Raketenwerfer. Gleich danach war es, als wäre man in eine gigantische Insektenvertilgung geraten. Sie müssen sich das vorstellen: stundenlanges, flächendeckendes Feuer. Überall fliegt Erde hoch, spritzen Metallsplitter durch die Gegend. Dazu pausenloses MG-Feuer und die gezielten Schüsse von Scharfschützen. Man lag flach auf der Erde im Heidekraut, sah niemanden mehr, hörte nur die Schreie der Verwundeten.

In Ihrem Buch „Der Ernstfall“ haben Sie geschildert, wie ein Kamerad dicht neben Ihnen schwer verwundet wurde.

Das war beim nächtlichen Essenholen von einem Gefechtsvorposten aus. Ein Schuss traf den Kameraden in den Rücken. Ein Lungenschuss. Er fiel hin und rief: „Mutti, Mutti, ich will nicht sterben“, so laut, dass die Russen sich auf uns einschossen. Ich sagte, er solle still sein. Und dachte in meiner Aufregung: Muss er sich so anstellen? Seine Mutti kann ihm auch nicht helfen. Es wirkte auf mich fremd und peinlich, dass er nach seiner „Mutti“ rief.

Peinlich? Wenn jemand in Todesangst ist? Sind Sie später nicht erschrocken über Ihre damalige Reaktion?

Nein. Denn ich wusste, wie es gewesen ist. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, und, um ihm zu helfen, habe ich, neben ihm auf dem Boden liegend, seine Uniform aufgeschnitten, um mit dem Verbandszeug an die Wunde zu kommen. Dann sah ich in seinem Rücken das Einschussloch. Ich kämpfte um meine Fassung, wollte nicht abstürzen in Angst. Man hatte in sich eine Haltung aufgebaut, um solchen Situationen gewachsen zu sein. Das gibt man nicht einfach preis. Aber dann bekam ich rasende Kopfschmerzen. Ich hatte einen Schock.

Im „Echolot“ von Walter Kempowski notierte eine russische Lehrerin: „Was hatte dieser Krieg für einen Sinn?“

Einen Sinn sahen wir auch nicht. Darüber wurde schon gar nicht mehr geredet. Es wäre auch ein heikles Thema gewesen. Wir haben manchmal über Wunschträume gesprochen oder über Erinnerungen. Und sonst gab es den absoluten Vorrang der Nähe und der belastenden Situation: Dauerregen, nirgendwo kann man sich hinlegen. Man ist ständig müde, hat quälenden Durst, denn es gibt eine Feldflasche dünnen Tee pro Tag. Überall juckt es: auf dem Kopf, am Hals, zwischen den Beinen. Wischt man mit den Fingern hinter der Kragenbinde entlang, sind sie voller Läuse. Man lebt in einer winzigen Welt und weiß nichts von außerhalb. Nachts greifen manchmal russische Stoßtrupps unsere Stellung an, tagsüber dominieren die Scharfschützen. Es ist eine Frage der Zeit, wann es einen erwischt.

Hat sich Ihre Definition von Männlichkeit durch den Krieg verändert?

Ja, doch. Bevor ich Soldat wurde, als Junge, hatte ich aus Heldensagen, Kriegsbüchern und Wehrmachtsberichten, etwa in dieser Reihenfolge, Heldenbilder entnommen. Im Krieg erlebte ich dann, dass es darauf ankam, wie die anderen die Belastungen auszuhalten, weil einem nichts anderes übrig blieb. Das hatte nichts Strahlendes, es war eher ein zähes, dumpfes Funktionieren. In der Zivilgesellschaft habe ich dann andere Vorstellungen entwickelt: Mut heißt jetzt für mich Mut zur Wahrheit, zur abweichenden Meinung, zur Kritik, Entschlossenheit, Entscheidungsfähigkeit. Also nicht so sehr Tugenden der Anpassung, sondern der Selbstbestimmung. Aber kann man das Männlichkeit nennen? Bei Frauen gibt es diese Eigenschaften ja auch. Im Krieg gab es auch viele mutige Frauen.

Herr Wellershoff, alle Anzeichen sprechen dafür, dass es einen neuen Krieg im Irak geben wird. Wie geht es Ihnen in dieser Situation?

Man fasst sich an den Kopf. Mehr und mehr hat man das Gefühl, einem verhängnisvollen automatischen Prozess zuzusehen, der menschlich, wirtschaftlich, ökologisch und völkerrechtlich unabsehbare Folgen haben wird. Auf jeden Fall werden sich die kulturellen Gegensätze und der Terrorismus verschärfen. Es ist wirklich deprimierend.

Was speziell deprimiert Sie?

Dass es zwar rasanten technischen Fortschritt gibt, aber eine Entwicklung von internationaler politischer Vernunft nur mit ständigen katastrophalen Rückfällen.

Wie sehr, glauben Sie, hat die Erfahrung des Krieges Ihr Leben geprägt?

Ich weiß nicht, wie ich geworden wäre ohne diese Erfahrung. Vielleicht weniger skeptisch, weniger distanziert gegenüber allem Kollektiven. Andererseits war ich erst 19, als der Krieg zu Ende war. Mir standen also noch wesentliche Jahre der Entwicklung zu einem erwachsenen Menschen bevor. Und damals war ja alles neu für uns: der Jazz, die moderne Literatur und Kunst, die Existenzphilosophie, die Psychoanalyse, die Anthropologie. Es waren euphorische Jahre ständiger Entdeckungen. Ich empfand das als eine zweite Geburt.

Aber Sie bekamen auch anderes zu sehen.

Ja. Das waren die Bilder vom Holocaust, dieses unfassbare Menschheitsverbrechen, das in seiner abgründigen Irrationalität überhaupt nicht zu begreifen war. Das ist ein Gewicht, das immer noch an einem hängt.

Viele Kriegsteilnehmer wurden von Träumen geplagt. Sie hatten Angst, ins Bett zu gehen. Kennen Sie das auch?

Ja, ich habe auch solche Albträume gehabt, aber erst Jahre später, vielleicht ausgelöst durch schwierige zivile Situationen. Aber es traten darin immer noch Russen als Verfolger auf.

Brauchten Sie therapeutische Hilfe?

Nein.

Der Journalist Heinrich Jaenecke hat in „Geo“ geschrieben, als er im Mai 1945 den ersten britischen Jeep auf sich zukommen sah, fühlte er sich befreit in einem ganz elementaren unpolitischen Sinn. Fühlten Sie sich befreit oder besiegt?

Ich war froh, am Leben zu sein, froh, es bis zu den Amerikanern geschafft zu haben und nicht in russische Gefangenschaft zu kommen. Aber auch die Amerikaner haben uns die Armbanduhren abgenommen. Wer sich wehrte, bekam einen Fausthieb mitten ins Gesicht. Das fand ich bestürzend. Aber grundsätzlich nicht überraschend. Der alte römische Spruch „Vae victis“ fiel mir ein – wehe dem Besiegten.

Hatten Sie eine Vorstellung von Zukunft?

In der Gefangenschaft haben wir natürlich darüber geredet, wie es wohl weitergehen wird. Wir haben fantasiert, unter welchen Bedingungen man bereit wäre, einen lebenslänglichen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Die Vorstellung vom großen Glück war: ein kleines Zimmer, ein Bett, Tisch, Stuhl, fünf Zigaretten am Tag, ein warmes Essen, gelegentlich Besuch von einer Frau. Dafür hätten wir lebenslänglich unterschrieben.

Sie haben sich als 16-Jähriger freiwillig gemeldet und…

Das nur, um nicht zur Waffen-SS eingezogen zu werden. Ich bin 1943 mit düsteren Erwartungen in den Krieg gezogen, denn ich hatte heimlich BBC gehört und wusste, wie schlecht es stand. Die Katastrophe von Stalingrad hatte stattgefunden, und gerade hatte das Afrikakorps kapituliert. Aber es gab keine Alternative. Ich dachte, ich muss wie alle vor mir meine Pflicht tun, aber ich will überleben.

Doch wie haben Sie den Anfang des Krieges erlebt?

Mit 14 Jahren? Fasziniert. Begeistert. Als unser Klassenlehrer, der in Frankreich gefallen war, mit militärischen Ehren begraben wurde, auf dem Höhepunkt des nationalen Narzissmus, sagte mein Freund Franz zu mir: „Hoffentlich dauert der Krieg so lange, dass wir auch noch Soldat werden.“ Der Wunsch ging in Erfüllung. Franz ist durch einen Kopfschuss gestorben. Wir hatten natürlich viele Kriegsbücher gelesen. Aber heute erscheinen mir erhabene Hölderlin-Verse als schlimmste Verführungen. Etwa das: „Umsonst zu sterben lieb ich nicht, doch lieb ich zu fallen am Opferhügel.“ Blutige Poesie.

Ihr Vater war als Reserveoffizier seit Anfang des Krieges von zu Hause weg, und Ihre Mutter wurde immer depressiver. Auch deshalb wollten Sie weg. Haben Sie sich Ihrer Mutter geschämt?

Ja, wir hatten einen gut ausgebauten Luftschutzkeller, in dem sich bei Alarm alle Nachbarn versammelten. Wenn dann Bomben fielen, hat meine Mutter als Einzige am ganzen Leib gezittert. Dann bin ich gegen ihren Einspruch nach draußen gegangen und habe mir das Spektakel am Himmel angesehen. Ich habe ihr auch übel genommen, dass sie Lebensmittel gehamstert hat. Das fand ich unmoralisch und kleinkariert.

Bevor Sie an die Front kamen, wurden aus der Berliner Wachkompanie gelegentlich freiwillige Erschießungskommandos zusammengestellt: Es handelte sich angeblich um Deserteure, Saboteure und Soldaten, die wegen so genannter „Wehrkraftzersetzung“, also zum Beispiel wegen Verbreitung von Feindpropaganda verurteilt waren. Haben Sie sich mal dazu gemeldet?

Nein. Ich habe es durchdacht und mir gesagt: Auf gefesselte, wehrlose Menschen schieße ich nicht. Das war nicht besonders mutig, denn es war ja freiwillig.

Haben Sie mit anderen Soldaten darüber gesprochen?

Ich erinnere mich nicht mehr genau. Jedenfalls nicht im größeren Kreis. Das Motiv der Freiwilligen war konträr zu meinen Überlegungen: Sie wollten erfahren, wie es ist, auf einen Menschen zu schießen. Sie verstanden das als Einübung in den Ernst des Krieges. Wenn man sie nachher fragte, was sich abgespielt hatte, sprachen sie meistens voller Anerkennung von den Exekutierten, weil sie sich „gut gehalten“ hatten. Es hörte sich wie Dankbarkeit an, dass es nicht zu schrecklichen Gefühlsausbrüchen gekommen war.

Herr Wellershoff, Sie haben Ihre Erinnerungen an den Krieg erst nach 50 Jahren aufgeschrieben. Wollten Sie nicht früher, konnten Sie nicht?

Beides. Ich bin aber froh, dass ich gleich nach dem Krieg nicht in der Lage war, ein Buch über den Krieg zu schreiben.

Warum?

Weil damals ein starker Konformitätsdruck herrschte. Man musste moralisierend schreiben. Mit gestellten, moralisierungsfähigen, exemplarischen Situationen. Als ich 50 Jahre nach dem Krieg mein Buch „Der Ernstfall“ schrieb, konnte ich ein phänomenologisches Buch schreiben, ohne inszenierte Situationen, ohne Retuschen.

Moralisierend. Sie sagen das mit so einem negativen Unterton. Vielleicht waren Bücher wie die von Wolfgang Borchert oder Heinrich Böll auch geprägt vom Gefühl der Scham und der Schuld.

Ja. Und das war auch richtig und notwendig so. Aber wenn man die Bücher heute noch einmal liest, stellt man doch fest, dass die Realität des Krieges manchmal in didaktischer Absicht überdeutlich stilisiert worden ist. Solche pädagogische Überlagerung braucht der Schrecken des Krieges aber gar nicht, um sichtbar zu werden. Im Gegenteil.

In das Gesicht des Krieges, schreibt Erich Maria Remarque, schaue man im Lazarett.

Das stimmt. Aber man sah das Schlimmste meistens nicht. Die Verbrannten mit den roten Narbengesichtern, die Blinden, die am schlimmsten Verstümmelten lebten oder vegetierten in Räumen, die man nicht betreten durfte, oft auch in Sonderlazaretten. Aber der große überfüllte Krankensaal in dem oberschlesischen Lazarett, in dem ich von Ostpreußen aus gelandet und dann operiert worden war, herrschte ein unglaublicher Gestank nach Eiter und Darmgasen und nach dem Äther, den man in die Gipsverbände sprühte, um die dort versteckten Wanzen vorübergehend zu betäuben. In diesem Lazarett kamen ständig neue Transporte von Verwundeten an. Ich lag an einem solchen Tag mehrere Stunden auf dem Operationstisch, bevor sich jemand um mich kümmern konnte.

Später, im März 1945, im Lazarett in Bad Reichenhall, hätten Sie bei einer ärztlichen Untersuchung simulieren können. Aber Sie wollten nicht hinken und sind um den Tisch herumgelaufen. So waren Sie einsatzfähig. Warum wollten Sie unbedingt zurück zur Front?

Nein, das wollte ich nicht. Es war ein Gemisch von Motiven. Vor allem wollte ich Genesungsurlaub bekommen und meinen Vater treffen, der im Ruhrgebiet so genannte Scheinanlagen zur Vortäuschung von Industriewerken aufgebaut hatte. Ich dachte, dass ich dort auf die schon weit vorgedrungenen Amerikaner warten könne. Aber die Rechnung ging nicht auf, und ich musste noch an die Oderfront und erlebte die Massenflucht der Bevölkerung und die totale Auflösung der Wehrmacht mit, bevor ich bei Schwerin die Amerikaner erreichte.

Und was ist geblieben von all diesen Eindrücken?

Die Bilanz meiner Kriegserfahrung war ein entschiedenes „Ohne mich“ gegen alle weiteren kriegerischen Entwicklungen. Ich habe übrigens auch eine Rede zu der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ gehalten, eine Belastungsprobe sondergleichen für mich, denn ich musste beim Anblick der Leichengruben, der Erschossenen und Erhängten, in einem verwirrenden, schwer erträglichen Widerspruch, auch wieder an die vielen Toten meiner Kompanie denken. Die Szenen konnten kontroverser nicht sein. Aber die Trauer, die mich überkam, umfasste beides.

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