Zeitung Heute : Meine Mutter hatte Recht

Wie lebt eine Schriftstellerin? Wie ein Callgirl? Und wie eine, die sich in beiden Welten auskennt? Fragen wir eine Expertin. /Von Tracy Quan

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Schon sehr früh wusste ich, was meine Mutter mit mir vorhatte. Ich sollte Schriftstellerin werden. Sie selbst war Journalistin mit feministischen Ideen und großen Plänen für ihre Tochter. Gegen beides rebellierte ich: Mit 14 rannte ich von zu Hause weg und zog nach London, mit 20 war ich ein VollzeitCallgirl in New York. Ich startete meine Karriere als Prostituierte in Hotelbars, und arbeitete mich in einen Zirkel von privaten Puffmuttern vor. Ich war stolz auf das, was ich tat, und meine antifeministische Ausstattung: lange Nägel, hohe Hacken, Strapse, rasierte Beine.

Ich rebellierte gegen meine Mutter, indem ich meinen Körper zum Geldverdienen benutzte. Und obwohl ich mit ihren Geschichten vom Kampf für die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz aufgewachsen war, zog ich es vor, nicht mit Männern zu konkurrieren. Ich wählte eine Arbeit, bei der Frauen mit Frauen um die sexuelle Aufmerksamkeit der Männer konkurrieren. Nun finde ich mich in der unangenehmen Situation wieder, die Erwartungen meiner Mutter doch erfüllt zu haben: Ich habe ein Buch über meine Rebellion geschrieben, einen Roman über ein erfolgreiches Callgirl, das als Kind von zu Hause weggelaufen ist.

Der Zeitpunkt könnte jedoch besser nicht sein. Eine Rebellion kann nicht ewig andauern, irgendwann müssen wir wieder zu selbst-kontrollierten, post-revolutionären Erwachsenen werden. Schreiben hat mir geholfen, diesen Weg zu gehen. Aber mein Rückzug begann in Wahrheit gar nicht mit der Veröffentlichung meines Buches. Er begann, während ich als Prostituierte arbeitete. Kaum war ich keine billige Barnutte mehr, wurde mir bewusst, dass ein Callgirl immer unter Beobachtung steht – von anderen Callgirls. Plötzlich wurde von mir erwartet, dass ich mich damenhaft bewege, nüchtern und verlässlich, so wie eine anständige Businessfrau.

Die Puffmütter, für die ich arbeitete, waren wie unsere Kunden auch Gestalten aus einer anderen Epoche. Ich bewegte mich in einer Welt, die obszön und zugleich bieder war, verboten und auch bürgerlich. Ein Stammgast galt als „Gentleman“. Nachlässige oder ungepflegte Prostituierte hatten keine Chance. Die vulgäre Sprache des Schlafzimmers war im Salon verpönt. Aber ich legte mir nicht nur eine äußerliche Hülle zu, dafür dringen die Abläufe des Sex-Gewerbes zu tief in einen ein. Als ein Kind, das weggelaufen war, ohne die gewöhnlichen Stufen des Erwachsenwerdens zu durchlaufen, hätte ich leicht zu einem dieser stumpfen, unreifen Teenager werden können. Die Prostitution indessen zwang mich dazu, Regeln einzuhalten, Entscheidungen zu treffen und pünktlich zu sein.

Genau genommen hat der Job einer Prostituierten viel gemein mit dem eines Schriftstellers. Ein Autor muss jeden Tag 2000 Worte schreiben, koste es, was es wolle. Eine Prostituierte muss jeden Tag ihre selbst gesetzte Quote erfüllen, wenn sie vom Sex leben will. Die Versuchung, sich gehen zu lassen, ist groß, gerade wenn es einem schwer fällt, Kunden ranzuschaffen. Wenn man auf Inspiration wartet, hat ein Autor mir einmal gesagt, schafft man keine Zeile. Das gleiche gilt für die Prostitution. Man muss es selbst in die Hand nehmen. Verabredungen müssen wie Termine strikt eingehalten werden. Eine Prostituierte muss ihre Arbeitszeiten festlegen. Sie muss ihren eigenen Stil im Bett entwickeln, ähnlich wie ein Autor seinen eigenen Ton. Jedem Sex liegt eine eigene erotische Grammatik zu Grunde, so auch wie die sprachliche Grammatik den Text bestimmt. Wer erfolgreich im Bett sein will, muss genauso einfallsreich sein wie ein Schriftsteller, der seinen Erzählton variieren und anpassen sollte. Ein Callgirl muss seine eigene Puffmutter werden; ein Schriftsteller muss sein eigner Lektor werden.

Es gibt viele Autoren, die erst eine ganz andere Karriere eingeschlagen haben. Anthony Bourdain ist so ein Beispiel, der Koch, der nun den Bestseller „Geständnisse eines Küchenchefs“ geschrieben hat. Er schrieb, was nur Eingeweihte wissen konnten, Klatsch, alles unterlegt mit einem „Wir-Köche-gegen-den-Rest-der-Welt“-Ton, sehr selbstbewusst. Damit konnte ich, die Prostituierte, mich gut identifizieren, als ich meinen eigenen Roman schrieb. Es war geradezu eine Aufforderung, meine Geschichte zu erzählen.

Ein Leben zu leben, das Material für Romane bietet, ist ein großer Vorteil. Sich das Schreiben zu erobern, nachdem man schon längst Berufsprofi war, kann einem Furcht einjagen. Schriftsteller, die der Prostitution nachgehen, um zu überleben, finden es vermutlich leichter, damit aufzuhören. Ich fand es schwierig. „Prostituierte“ war für mich mehr als nur eine Jobbeschreibung. Wie Bourdain habe ich mich fast grimmig mit meiner Arbeit identifiziert; anders als er spürte ich aber durchaus den gesellschaftlichen Druck, meine Karriere zu Gunsten etwas „moralisch Besseren“ zu beenden – was natürlich wiederum meine Anhänglichkeit an den Job verstärkte. Bisweilen behinderte das meinen Fortschritt als Schriftstellerin.

Der Wandel meiner Karriere vollzog sich graduell. Anfangs schrieb ich den einen oder anderen Essay, manchmal auch eine Rezension oder eine Reportage für Magazine. Dabei wusste ich, dass ich eigentlich ein Buch schreiben will. Als ein Männermagazin mich bat, eine monatliche Ratschlag-Kolumne zu schreiben, war ich begeistert. Nach einigen Monaten war ich mit der harten Realität des Journalismus konfrontiert: Meine Kolumne musste einer Anzeige weichen. Prostitution, dachte ich, ist eine sehr viel solidere Beschäftigung.

Einen Schub erhielt meine Schreiberei erst, als ich im Internet zu veröffentlichen begann. Die Hauptfiguren meines Romans erblickten zum ersten Mal in einer 53-teiligen Serie auf „Salon.com“ das Licht der Welt: „Nancy Chan: Diary of a Manhattan Call Girl“. Je mehr Fans Nancy Chan gewann, desto geringer wurden meine Gewissensbisse. Und am Ende führte meine Kolumne im Internet zu einem Buchvertrag mit einem angesehenen Verlag. Die Entwicklung von altem zu neuem Medium ist heute nichts Besonderes mehr – aber vor drei Jahren fühlte sich das ziemlich außergewöhnlich an.

Bourdains Buch ist so unglaublich, dass man es kaum als Ratgeber für angehende Schriftsteller bezeichnen kann, aber mir half es, eine neue Perspektive auf meinen Karrierewechsel zu gewinnen. Sex ist wie Kochen, beides richtet sich auf die Bedürfnisse des Körpers. Befriedigung lässt sich leicht messen. Auch der Erfolg: ein Orgasmus des Kunden, ein leer gefutterter Teller. Leicht zu liefern, leicht zu verstehen. Für eine ausgesprochen mitteilungsfreudige, leicht neurotische Frau wie mich, kann es ausgesprochen beruhigend sein, mich auf den Körper eines anderen zu konzentrieren – Sexarbeit lenkt einen von sich selbst ab. Kopfarbeit, das Spiel mit Formulierungen und Ideen, ist unterhaltsam, aber ein wenig dekadent. Auch wenn ein ganzer Tag im Bett mit Männern dekadent erscheint, mich erfüllte so ein Tag mit dem gesunden Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Prostitution erfordert Körperkontakt, Schreiben dagegen ist ein einsames Geschäft. Neurosen befallen Schriftsteller, sind sogar bisweilen erwünscht. Als Prostituierte hatte ich das fast natürliche Bedürfnis, meine neurotischen Anlagen zu unterdrücken. Es ist die sehr viel gesündere Beschäftigung, weil sie einen zwingt, wenigstens so zu tun, als ob man gesund sei. Sex hat gewiss seine Risiken, aber es ist besser für den menschlichen Körper als das Sitzen an Tischen. Die körperliche Haltung des Schriftstellers ist alles andere als begrüßenswert, er lümmelt sich stundenlang auf einem Stuhl, oft ohne zu essen und zu trinken. Wer sich ganz aufs Schreiben konzentriert, vergisst ja fast seinen eigenen Körper. Prostituierte, das muss ich kaum erwähnen, vergessen eher selten, dass sie einen Körper haben. Ihre Arbeit ist aufs Intensivste mit dem physischen Teil ihres Daseins verbunden.

Als Prostituierte hat man außerdem ein besonders gut ausgeprägtes Zeitgefühl. Ich konnte spüren, wie lange der Sex dauerte, ohne auf die Uhr zu schauen. Als ich anfing zu schreiben, ist mir dieses Gefühl abhanden gekommen. Manchmal sitze ich drei Stunden lang am Computer und denke, dass erst eine vergangen ist. Das führt dazu, dass mein Privatleben im Chaos versinkt: Auch wenn das merkwürdig klingt, es war leichter meine Arbeit und meine private Zeit miteinander zu vereinbaren, als ich noch Prostituierte war – auch wenn mein Freund durchaus Einwände gegen meine Tätigkeit hatte.

Die Gefahr beim Schreiben liegt darin, dass es mich weit weg trägt, weg von anderen Leute, weg von meinem Freund, in einen Bereich, in dem ich mich auch gern verliere. Die Prostitution hatte diesen Effekt nicht. Als Schriftstellerin bin ich sehr viel nachgiebiger mit mir selbst, unkontrollierter.

Und noch etwas fehlt: die direkte Befriedigung der Wünsche. Wenn man es gewohnt ist, sofort ein Echo von den Kunden zu bekommen – eine Erektion, einen Orgasmus – dann ist es nicht sehr ermutigend, wenn man sechs Wochen warten muss, bis der Lektor sagt, ob ihm der Text gefällt. Ein merkwürdiger Deal: Viele Prostituierte ertragen die gesellschaftliche Ablehnung ihrer Tätigkeit, weil sie besser für ihren emotionalen Haushalt ist als so manch anderer Job.

Mit der Prostitution geht aber auch eine Menge Angst einher, vor allem um den eigenen Körper. Prostituierte fürchten Krankheiten und Verletzungen. Eine große Gefahr im Sexgewerbe sind Harnröhreninfektionen.

Ich habe immer größte Vorsichtsmaßnahmen gegen Geschlechtskrankheiten unternommen und auf mein Gewicht geachtet. Und obwohl mir mein Leben als Nutte Spaß gemacht hat, freue ich mich auf eine Zeit, in der mein Körper keine so entscheidende Rolle mehr spielt. Mit meinem ersten Roman habe ich einen Schritt in diese Richtung gemacht: Je mehr ich schrieb, desto geringer wurde meine Körperobsession. Als ich beim letzten Kapital meines Romans war, bemerkte ich ein Zwicken im rechten Arm. Meine Schulter war taub, und mein Handgelenk schmerzte. Sie war überanstrengt. Außerdem hatte ich unbewusst die Gewohnheit entwickelt, mich auf meinen rechten Ellenbogen aufzustützen. Das führte zu den Schmerzen in der Schulter. Erst sechs Wochen und viele Massagen später waren die Symptome dieser Sehnenentzündungen verschwunden.

Als Callgirl hatte ich Angst vor Harnröhreninfektionen und Geschlechtskrankheiten; als Schriftstellerin habe ich Angst vor überlasteten Sehnen und orthopädischen Stresserscheinungen. Der Angst vor einem körperlichem Zusammenbruch bin ich nicht entkommen, indem ich Schriftstellerin geworden bin. Aber meine Mutter hat Recht behalten.

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