Mein KUNSTSTÜCK : Blick durch die rote Brille

Nicole Köstler

Ist das nicht Therapie? Für die Kunstgeschichte von Wert? Mit schwarzer Farbe haben die behinderten Künstler die Vorurteile, denen sie begegnen, auf die Wände der Galerie Art Cru geschrieben. Es geht um Schwerelosigkeit, Loslassen, Leichtigkeit. Flugmobile, eine rote Rakete aus Pappe, Baumstämme aus Papier hängen an seidenen Fäden von der Decke. Auf einem Podest ist ein Flugzeug gelandet. Das Cockpit ist halb geöffnet, als könnte jeden Augenblick der kleine Prinz aussteigen. Flugtickets nach Argentinien liegen aus. Kein schlechtes Reiseziel.

Alles erinnert an die Werkstatt eines Animationsfilmers. Ein Vogel mit grellen Feder, Augen aus Knöpfen, schwebt zwischen den Köpfen der Besucher. Aus einer kubistisch anmutenden Blumenlampe fällt gedämpftes Licht. An diesem Andersview, so der Ausstellungstitel, arbeiteten 28 behinderte Künstler mit fünf Studenten der UdK. Bevor es hinaus in die Berliner Nacht geht, schenkt ein Künstler den Besuchern riesige Brillen aus rotem Draht. „Setzen Sie sich die rote Brille auf, gehen Sie zur U-Bahn und die Welt wird ihnen anders begegnen.“ Das Versprechen löst sich ein.

Galerie Art Cru Berlin, Oranienburger Str. 27, bis Di 13. 4., Di–Sa 12–18 Uhr

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