Zeitung Heute : Meinungsbilder

Von Amerikanern und Europäern

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Von Robert von Rimscha

Amerikaner als Kriegstreiber, Europäer als Weichlinge – so lautet ein Klischee, das über den jeweils anderen gepflegt wird. Nun haben sich zwei renommierte US-Institutionen, das Chicago Council on Foreign Relations und der German Marshall Fund, an die Mammutaufgabe gemacht, außenpolitische Einstellungen präzise zu erfassen. Manche der Ergebnisse passen in die politische Landschaft, andere überraschen. So sagen 60 Prozent der Europäer und 65 Prozent der Amerikaner, die USA sollten nur mit einem UN-Mandat und mit alliierter Hilfe den Irak angreifen.

Für die Umfrage wurden fast 10 000 Erwachsene im Juni und Juli befragt. Europa ist durch Großbritannien, Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Italien, Polen vertreten. Zu den für Amerika schmerzlichsten Befunden dürfte zählen, dass 55 Prozent der Europäer glauben, die US-Außenpolitik trage eine Mitschuld an den Anschlägen vom 11. September. Und 56 Prozent halten Bushs Außenpolitik für „mäßig“ oder „schlecht“.

„Entgegen den Berichten über einen Graben zwischen den Regierungen der USA und der EU haben wir in den Bevölkerungen mehr Übereinstimmungen als Unterschiede gefunden“, sagt Marshall-Fund-Chef Craig Kennedy. „Die Übereinstimmungen sind erstaunlich“, meint der Präsident des Chicago Council. So befürworten 88 Prozent der Europäer (81 Prozent der Amerikaner) Militärinterventionen, um Hungerkatastrophen zu stoppen, und 80 Prozent der Europäer (76 in den USA) Militäreinsätze zur Geltendmachung des Völkerrechts.

Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen warnt: „Wenn Sie abstrakt fragen, ob Gewalt zur Durchsetzung von Humanität gerechtfertigt sei, bekommen Sie immer große Mehrheiten – weil alles im Unkonkreten bleibt.“ Roth weist auch darauf hin, dass sich die Stimmung gegen einen Irak-Krieg in Europa seit Juli erheblich verschärft habe.

Innereuropäische Unterschiede fand die Studie bei der Frage, ob Europa wie die USA eine Supermacht werden solle. 91 Prozent der Franzosen und 76 Prozent der Italiener sagen Ja, die Deutschen sind mit 48 Prozent am zurückhaltendsten. Transatlantisch gab es erhebliche Unterschiede bei der Frage nach dem Wehretat. 14 Prozent der Deutschen sind für höhere Rüstungsausgaben, 45 für niedrigere. Umgekehrt in den USA: 44 Prozent für mehr, 15 Prozent für weniger.

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