Zeitung Heute : Meister des Herzens

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: unser Kandidat für den Nobelpreis

Hartmut Wewetzer

Vor kurzem widmete das Fachblatt „New England Journal of Medicine“ dem deutschen Arzt Andreas Grüntzig eine ganze Seite. Überschrift: „Tribut an ein Meisterwerk.“ Was bewog die für gewöhnlich eher coole „Bibel der Mediziner“ zu diesem ungewöhnlichen Loblied? Grüntzig hatte Anfang der 70er Jahre in Zürich die Ballonkatheter-Methode (Angioplastie) erfunden: also die Weitung verstopfter Blutgefäße mit einem Ballon, der über ein dünnes biegsames Rohr, den Katheter, in das Gefäß vorgeschoben und dann aufgeblasen wird.

Einer von Grüntzigs ersten Herzkatheter-Patienten musste 2002 erneut am Herzen untersucht werden. Die Mediziner stellten fest, dass das verengte Herzkranzgefäß, das Grüntzig 1978 geweitet hatte, noch immer völlig durchlässig war – nach 24 Jahren! Deshalb das Gedenkblatt im „New England Journal“.

Seinen großen Durchbruch hatte der gebürtige Dresdner 1977 beim Kongress der amerikanischen Herzspezialisten. Er präsentierte seine ersten vier Fälle. Für gewöhnlich sind Kardiologen eher beherrschte Menschen. Aber schnell war klar, das Grüntzigs Ballon die Herzmedizin revolutionieren würde. Und so brach das Auditorium in spontanen Beifall aus und spendete stehend Ovationen.

Der Mann, dessen Methode Abertausenden von Menschen das Leben rettete oder eine große Operation ersparte, kam 1985 bei einem Flugzeugabsturz in den USA ums Leben. Grüntzig war erst 46.

An dieser Stelle dürfen wir den anderen deutschen Herzpionier nicht unerwähnt lassen: Werner Forßmann aus Berlin war der Erste, der überhaupt eine Herzkatheter-Untersuchung machte. Das war 1929 im brandenburgischen Eberswalde. Das Forschungsobjekt des 25-jährigen Chirurgen war niemand anders als er selbst. Forßmann schob sich einen Katheter in die Ellenbogenvene, den er bis in den rechten Herzvorhof manövrieren konnte. Dann wankte er in die Röntgenabteilung und dokumentierte seinen Erfolg. Aber damals hatte niemand Verständnis für Forßmanns „Zirkuskunststücke“, wie der Charité-Chirurg Ferdinand Sauerbruch schimpfte. Erst 1956 kam die Anerkennung – der Nobelpreis.

Womit wir bei der Gegenwart wären. Denn morgen wird der Medizin-Nobelpreisträger 2004 bekannt gegeben. Unser Kandidat: Julio Palmaz von der Universität von Texas in San Antonio. Der gebürtige Argentinier entwickelte vor 20 Jahren Gefäßstützen für das Herz, Stents genannt. Diese Röhrchen aus feinem Maschendraht halten die mit dem Ballon gedehnten Herzkranzgefäße offen. Ein cleverer Bursche, dieser Palmaz. So wie Forßmann und Grüntzig.

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