Zeitung Heute : Meister des Konsens

BERND ZIESEMER

Alle Welt scheint sich einig zu sein, daß Keizo Obuchi keine Chance hat.Japans neuer Regierungschef wurde schon vor seiner Wahl am gestrigen Donnerstag als bloßer Übergangkandidat abgehakt und als Mann ohne Eigenschaften verspottet.Kaum jemand traut ihm die Kraft zu, Japan aus der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise herauszubringen, die seinem Vorgänger Ryutaro Hashimoto zum politischen Verhängnis wurde.Wahr ist: Die Herausforderungen für den 61jährigen sind gewaltig.Alle wichtigen Wirtschaftszahlen zeigen in Japan nach unten.Mit jedem Tag wird vor allem die Bankenkrise gefährlicher: Die japanischen Kreditinstitute sitzen auf einem immer höheren Berg fauler Forderungen.Sie müssen möglichst schnell mindestens eine Billion Mark, also Tausend Milliarden Mark, abschreiben.Ohne staatliche Hilfe und die Schließung einiger bankrotter Kreditinstitute geht das nicht.

Obuchi ist sicherlich nicht der durchsetzungsstarke Supermann, den man sich im Westen in dieser gefährlichen Situation für die Weltwirtschaft an den Schaltstellen der japanischen Politik wünschen würde.Aber er ist ein Meister des "Nemawashi".Im Japanischen bezeichnet man mit diesem Wort die lange Suche nach Konsens, nach einem fein austarierten Interessenausgleich, die so typisch ist für jede größere Entscheidung in allen Unternehmen und staatlichen Institutionen.Obuchi weiß, wie man möglichst viele Menschen geschickt einbindet.Nur so konnte es dem unscheinbaren Mann aus der Provinz Gumma gelingen, seine kleine Splittergruppe in wenigen Jahren zur größten Fraktion in der japanischen Regierungspartei LDP zu machen.Nur so gelang es Obuchi auch, den einflußreichen ehemaligen Ministerpräsidenten Kiichi Miyazawa, der sich seit langem für eine schelle Bewältigung der Bankenkrise einsetzt, doch noch als Finanzminister für sein Kabinett zu gewinnen.

Obuchis Vorgänger Hashimoto entsprach viel mehr den westlichen Vorstellungen eines politischen Machers - und ist doch kläglich gescheitert.Dem begnadeten Kungler Obuchi könnte es eher gelingen, die widerstreitenden Interessen der japanischen Politik und Wirtschaft auf die notwendgen Deregulierungsmaßnahmen und schmerzlichen Einschnitte zu verpflichten.Der Nachteil seines Nemawaschi-Stils liegt auf der Hand: Obuchi braucht viel Zeit, obwohl eigentlich schnelle Entscheidungen noch vor dem Herbst erforderlich sind, wenn Japan nicht zu einer noch größeren Belastung für die angeschlagenen asiatischen Nachbarländer und die Weltwirtschaft insgesamt werden soll.

Der Westen sollte aber auch die Vorteile der Nemawaschi-Methode nicht übersehen: Sind erst einmal alle wichtigen Entscheidungsträger auf Linie gebracht, geht die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen in Japan schneller als irgendwo sonst auf der Welt.Das gilt nicht nur für japanische Unternehmen, sondern auch für die japanische Politik.Aus der Ferne nehmen viele Beobachter gegenwärtig nur reformpolitischen Stillstand in Japan wahr, während in Wahrheit unter der Decke eifrig an einem neuen wirtschafts- und finanzpolitischen Modell gebastelt wird.

Die großen japanischen Exportkonzerne haben sich längst auf die neuen Herausforderungen der Globalisierung eingestellt.Unternehmen wie Sony oder Toyota sind heute international schlagkräftiger denn je, auch wenn sie auf ihrem Heimatmarkt mit der Krise zu kämpfen haben.Hinter den Kulissen machen sie gemeinsam mit dem Ausland immer mehr Druck auf die japanischen Politiker.Und eines ist klar: Egal wer in Tokio regiert, er kann die Forderungen der mächtigen Exportindustrie nach tiefgreifenden Reformen nicht länger ignorieren.

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