Zeitung Heute : Mekong an der Spree

Wie Axel Hacke in der „Paris Bar“ traumatisiert wurde und trotzdem ein anständiger Bürger blieb

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Von Norbert Thomma

Manche halten diesen Mann für ein wenig schrullig. Für, ja: merkwürdig zwanghaft. Alles in seinem Dasein sei strikt geregelt. Pünktlichkeit, herrje! Das Adjektiv preußisch beschreibe nur milde die Besessenheit, mit der er sein Leben von der Uhr diktieren lasse. Einmal, als dieser Mann auf die Geburt eines seiner zahlreichen Kinder wartete (die Hebamme hatte den Zeitpunkt exakt vorausberechnet), brach es aus ihm heraus: „Wer bei mir zu spät kommt, kann gleich wegbleiben! Weg …! Weg …! Wegbleiben!“

Ich hingegen halte diesen Mann für merkwürdig normal. Denn Axel Hacke ist durch die Hölle gegangen. Und ich war Augenzeuge.

Was aus Männern werden kann, die ähnliche Schicksale wie H. zu erleiden hatten, schildert erschütternd Philip Roth in dem Roman „Der menschliche Makel“. Da gibt es Lester, einen Vietnamveteranen. Alkohol, Irrsinn, er ist dem Leben verloren, Jahrzehnte nach Kriegsende noch. Mühsam versuchen Kameraden, ihm sein Trauma zu lindern, indem sie mit Lester ein chinesisches Lokal besuchen; so soll er behutsam an Asiaten gewöhnt werden, ohne durchzudrehen.

Und dann? Roth schreibt:

„Gott im Himmel, da kommt ein Ober mit Wasser. Er hat einen Bogen geschlagen und kommt von hinten auf Lester zu, ein anderer Ober, aus dem Nichts, verdammte Scheiße. Sie sind alle dicht neben Lester, der auf einmal ,Jahhhh!‘ brüllt und dem Kerl an die Gurgel geht, so dass der Wasserkrug vor seinen Füßen explodiert.“ Dann explodiert auch Lester.

Ist es nicht so, dass, mit dieser Roth’schen Schilderung verglichen, Axel Hacke von geradezu kaninchensanftem Wesen ist? Dass die Zeichen von posttraumatischen Psychosen sich bei ihm bestenfalls in gelegentlichem, meckernden Lachen zeigen?

Hackes Hölle lag nicht am Mekong, sie lag an der Spree. Es geschah in einer bibberkalten Winternacht. Eine heitere Gesellschaft saß in der „Paris Bar“, Berlin-Charlottenburg. Die Uhr zeigte 1 Uhr 30 und Hacke, an frühzeitige Bettruhe gewöhnt, drängte zum Aufbruch. Die Rechnung, den Mantel! Kaum hatte er sich erhoben und der Tür genähert, stürmte ein Mann auf ihn zu, „Axel, Axel!“ krähend und krakengleich beide Arme um ihn schlingend. Das Ungemach war blond und schlank, ein berühmter deutscher Modemacher (sein Name tut nichts zur Sache, H. hatte ihn einmal groß für die „Süddeutsche“ porträtiert).

Wir verließen die Lokalität in der Annahme, H. würde sich ebenfalls ankleiden und folgen, denn er logierte in einem Hotel in fußläufiger Entfernung. Vom Trottoir aus bot sich durch die großflächigen Scheiben der „Paris Bar“ ein faszinierender Anblick. Szenen wie diese sieht man sonst nur in Naturfilmen mit Titeln wie „Wunder der Everglades“ oder „Zauber der Steppe“. Python verschlingt Rüsselschwein, Alligator schnappt Gazelle und zieht sie in die Tiefe des Tümpels, Puffotter lähmt Wüstenspringmaus mit einem einzigen Biss …

H. hing in den Fängen des Modemachers, bleich und erschlafft. Mühsam reckte er den Hals nach hinten, als wolle er einen hilfesuchenden Blick zu uns nach draußen werfen. „Ha!“, rief ein Mitzecher neben mir entzückt. „Er kaut an Axels Ohrläppchen!“ Und wirklich hatten sich zwei Zahnreihen gefährlich nahe an Hackes Halsschlagader vergraben. In den folgenden Minuten wurde H. ein Opfer der seltsamsten Liebkosungen. „Die Zunge, die Zunge“, quietschte es neben mir enthusiasmiert, „wo er sie ihm überall reinsteckt.“ Hackes rechter Schuh zuckte, wie ich es vom Hinterlauf eines verendenden Rotwilds kenne. (Ja, ja, auch ich hatte Bier getrunken, und würde ich als Zeuge vor Gericht stehen, wären meine Einlassungen nicht viel wert …)

Es war ein grandioses Schauspiel, und ich fror erbärmlich. Ich beschloss in einem Anfall von zorrohaftem Rettungsmut, den Leidenden zu befreien. Ich ging zurück ins Restaurant und stellte mich neben die beiden verwurstelten Leiber. (Uneingeweihte sollten dazu wissen: Zu den Wesenszügen Hackes zählt die – auch körperliche – Distanz.) Ich stampfte auf den Boden und rief verzweifelt in tuntigem Singsang: „Aaaxel, du kommst sofort mit nach Ha-ha-hause! Du hast es mir versprochen!“

Es war lächerlich. Axel Hacke japste still nach Luft. Der Modemacher zeigte sich überhaupt nicht beeindruckt und hielt seine Beute fest in den Krallen. Ich stampfte wieder auf – und er kreischte: „Weg! Weg!“ (Es klang wie das angewiderte „wäääähg, wäääähg“ eines dekadenten Landadeligen, der vom Dienstpersonal gestört wird, während er seinen Lieblingspudel füttert.) Dazu machte er eine herrische Handbewegung, als würde er Fusseln von Hackes Jackett wischen.

Der Modemacher war stärker als ich, ein Alphatier, ein Megapolyp. Ich ging nach draußen in die Kälte der Kantstraße. Durch die Panoramascheiben verfolgten wir gewiss noch eine halbe Stunde schaudernd Axel Hackes Todeskampf, unterbrochen nur durch zwei weitere, kläglich scheiternde Rettungsversuche von mir. Tropfte da nicht schon Blut von den Eckzähnen des blonden Vampirs? Dann winkten wir ein Taxi heran.

Tags darauf wählte ich um die Mittagszeit Axel Hackes Mobilnummer. Ach, sie würde nun stumm bleiben, für immer stumm. „Ha-llo-ch?“ Er krächzte, aber er lebte! Der Modemacher habe ihn an einen Tisch verschleppt, Alkohol, ja, ja, auch das, er sei so verwirrt gewesen, bis fünf Uhr früh möge das Martyrium gedauert haben, der Unhold habe reihum angeboten, den Anwesenden ein Kind zu machen … oh … auch ihm … Axel … wer weiß … der Champagner … das Würgen … Aussetzer im Hirn … nein, danke der Nachfrage … Blutleere … es ginge schon wieder …

So also war das in Hackes Hölle. Die meisten Menschen hätte dieser unfassbare Schrecken aus der Bahn des Lebens geworfen. Aus Hacke aber ist nicht einmal ein gewöhnlicher Amokläufer geworden (der Münchner Modemacher Moshammer – auch das ist H. nicht gewesen). Im Gegenteil, er zahlt pünktlich Steuern, er kommt pünktlich zu Lesungen, er liefert pünktlich Texte, er ruft pünktlich an, ja verdammt: Er ist pünktlich! Na und?

Ich finde, Axel Hacke hält sich ziemlich gut.

Der Autor, 54, kennt den Jubilar seit Jahrzehnten und betreut ihn redaktionell per Telefon. Jeden Donnerstag um 14 Uhr 10 und Freitag um 10 Uhr 30 beraten die beiden das Thema für Hackes Kolumne am Sonntag.

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