Zeitung Heute : Melancholischer Blick in große Morden

Was hat Mehmet verbrochen, daß er nach ein paar Tagen Haft so aussieht, zerrissen die Kleidung, zerschunden das Gesicht, er selbst nur noch ein Schatten fast? Nichts.Eine Verwechslung.Straßensperre nachts in Istanbul, der anonyme Nachbar im Bus hat noch eben türmen können - und die Tasche mit der Pistole stehenlassen.Also ist Mehmet dran, Mehmet, der Dunkelhäutige, den sie alle für einen Kurden halten in Istanbul, weshalb sie ein großes rotes "X" an seine Zimmertür malen, "X" wie Fadenkreuz, "X" wie "exterminieren", "X" wie Krieg gegen die Kurden im eigenen Land.Mehmet hat einen Freund, Berzan, dessen kurdische Heimat die Türken ausradieren Dorf für Dorf, Berzan, dessen Vater die Türken erschossen haben, Berzan, der eines Tages selber exterminiert sein wird nach einem Polizeieinsatz.Also macht sich Mehmet mit dem Holzsarg auf die Reise nach Zorduc, in das ferne Zuhause Berzans; nur ist das kein Zuhause mehr, sondern erloschenes Land, nur noch eine Ruhe ohne Menschen.- "Reise zur Sonne" der türkischen Regisseurin Yesim Ustaoglu entwickelt sein kaum größer denkbares Thema ganz aus dem Kleinen, Alltäglichen, aus Mehmets unschuldiger Liebe zu der Wäscherin Arzu, aus seiner unschuldigen Freundschaft zum Straßenverkäufer Berzan, und ist doch nicht der große Film geworden, den man sich gewünscht hätte; zu zart, zu melancholisch bleibt der Blick auf seine Figuren, mitten im großen Morden.Wie hypnotisiert auch bewegt sich Mehmet selbst (Newroz Baz) durch diesen Film, als weigerte er sich, politisch zu erwachen, trotz der Schläge, die ihm die Polizei zufügt, trotz des Schmerzes über Berzans Tod.Ein Träumer in einem träumerischen Film, zu träumerisch für die Türkei heute, von der er erzählen will: mittags im Taxi-Radio die Nachricht von Öcalans Auslieferung, von der Todesstrafe, die ihm nun droht, von gewalttätigen Kurdenprotesten in Deutschland.Zuviel Wirklichkeit auch für stärkere Filme. jal

Heute 9.30 Uhr im Royal, 21 Uhr in der Urania

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