Zeitung Heute : Melatonin wegblenden

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars von Törne

Ein Glas Ahornsirup, ein paar Schnappschüsse von den verschneiten Niagarafällen, ein Küchenkalender mit Bildern von Toronto und den Nationalparks Ontarios. Das ist es auch schon, was vom Weihnachtsurlaub in Kanada übrig geblieben ist. Nein! Es ist ja noch die Sehnsucht da. Die Sehnsucht nach menschenleerer Weite, verschneiten Wäldern, endloser Landschaft. In Berlin geht man dafür ins Kino. Dort läuft gerade der Film, den die Kritiker Kanadas letzte Woche zum Jahresbesten aus der heimischen Produktion ernannt haben. Zum einen, weil er wirklich gut ist. Zum anderen wahrscheinlich auch, weil er in einer Gegend spielt, die seit Ewigkeiten kulturell vernachlässigt wurde, und deren Bewohner lange Zeit für nicht ganz voll genommen wurden. Eine Art kanadische „Halbe Treppe“ also.

„Atanarjuat – die Legende vom schnellen Läufer“ heißt der Film. Er ist eine Mischung aus Doku- Drama und Märchenfilm – genau das Richtige gegen kanadisch geprägtes Fernweh. „Atanarjuat“ trägt seine Zuschauer aus dem grauen, nassen Berlin direkt in eine Zauberwelt aus Eis und Schnee, in die kanadische Antarktis. Deren Bewohner, die Innuit, sollen ja mindestens 100 Worte für Schnee und Kälte haben, um die feinen Nuancen des Normalzustandes „gefroren“ genau beschreiben zu können. Das ist nahe liegend, da es um sie herum nichts als gefrorenes Wasser gibt. Die Bedeutung des Elementes für die Bewohner Nord-Nordamerikas kann man übrigens auch daran ersehen, dass die Torontoer Zeitung „Globe and Mail“ am vergangenen Wochenende eine ganze Seite der Renaissance der Schneeschuhe widmete. So gesehen müsste es in Berlin eigentlich mehr als hundert Worte für Hundekot geben, und in den Zeitungen fänden sich ganze Seiten über haufenresistentes Schuhwerk.

Die Bewohner der kanadischen Arktis haben übrigens nicht nur wesentlich mehr gefrorenes Wasser als wir, sie haben auch eine der höchsten Geburtenraten der Welt. Wie das zusammenhängt? Schauen Sie sich „Atanarjuat“ an, dann bekommen Sie eine Idee davon. Erzählt wird in dem Film eine uralte Geschichte von Liebe und Verrat, von Hass und Erlösung durch Zauberei. Die drei Stunden im Kino sind übrigens auch ein gutes Rezept gegen die Winterdepression nach der Rückkehr ins schneematschige Berlin. Erstens ist es bei uns im Vergleich zu Nordkanada kuschelig warm, was soll also das Klagen über die „Kälte“ im Lande? Und zweitens ist es ja inzwischen allgemein bekannt, dass das Zaubermittel gegen Winterdepressionen Helligkeit ist. Sie unterdrücke den Ausstoß des Depri-Hormons Melatonin, sagt man. Und bei „Atanarjuat“ kommen dank der vielen Schnee- und Eisszenen in 172 Minuten etliche tausend Lux zusammen. Das hält ein paar Tage vor. Und billiger als eine Lichttherapie ist es auch.

„Atanarjuat“ läuft in den Kinos Eiszeit (OmU), Filmkunst 66 und Filmtheater am Friedrichshain. Wer danach immer noch nicht genug hat von arktischer Wildnis, dem sind die Kanadareportagen des Journalisten Helge Sobik zu empfehlen. Sie sind vor kurzem unter dem Titel „Der Mann hinter dem Regenbogen“ im Picus-Verlag erschienen (132 Seiten, 13,90 Euro).

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