Zeitung Heute : Melodien ohne Millionen

Es fehlen gute Instrumente, Noten, Zuhörer. Kongos einziges Symphonieorchester spielt trotzdem

Judith Reker[Kinshasa]

Die Kesselpauke beult sich aus dem offenen Busfenster, das einzige Symphonieorchester der Demokratischen Republik Kongo fährt vor. Eine Stunde lang ist es quer durch die Stadt gefahren, vom Probenraum im Viertel Ngiri Ngiri bis hierher, es wird spielen an diesem Tag, hier in der Kunsthochschule von Kinshasa. Es spielt selten.

Doch es sind Abschlussprüfungen, zwei Kunsthochschulstudenten müssen vortragen, und sie brauchen Begleitung.

Die Musiker betreten den Saal durch den Haupteingang, vorbei an einem alten Herrn, der konzentriert mit einem Besen Staub von der Decke fegt. In den 40er Jahren, als das Haus noch weiß war und Kinshasa noch Léopoldville hieß, da war dies ein Hotel. Später zog die chinesische Botschaft ein und vor 20 Jahren das Institut National des Arts.

Während die Orchestermusiker im Saal ihre Instrumente stimmen, übt im Nebenraum ein Student Etüden auf einem Flügel. Gut möglich, dass dieser Steinway der einzige Konzertflügel im ganzen Land ist. Dem mächtigen Instrument fehlt ein Bein, es ist ein Geschenk des belgischen Königs aus dem Jahr 1967, als das Kunstinstitut gegründet wurde. Es herrscht über einen neonweißen Raum voller Abfall. Regelmäßig wird es gestimmt und scheppert doch metallen wie die heruntergekommenen Saloon-Pianos in Wildwestfilmen.

Der Flügel verstummt, als ein Professor im Hauptsaal anhebt: „Meine Damen und Herren, dies ist kein Konzert, sondern ein Examen“, und um Ruhe und Anstand bittet. Junge Leute, Kommilitonen, Freundinnen, die bis eben auf Lehnen saßen, rutschen in die Bänke. Dann wird die erste Kandidatin angekündigt, „die Demoiselle Salimah Makanga“.

Im langen engen Kleid, auf Stilettos, die in einer nadeldünnen Metallspitze enden, schreitet die Komponistin herein. Nervös liest die sonst selbstbewusste Frau von 37 Jahren vor, dass sie ein Volkslied aus der Sprache ihrer Mutter, Lokele, „in westlicher Manier harmonisiert“ habe. „Es ist ein Essay“, ein Versuch, sagt sie.

Das Lied wird bei Festen gesungen, bei Hochzeiten etwa. Darum beginnt es in Makangas Orchestrierung mit dem Englischhorn. Es ahmt den Ruf eines Kuhhorns nach, welches von Dorf zu Dorf verkündet: Hier wird gefeiert! Die Musik klingt manchmal schräg, oft brav. Die Musiker spielen konzentriert und haben lange für diesen Tag geprobt. In den Gesichtern der Zuhörer versucht man zu lesen: Sind sie andächtig? Fragen sie sich, was das für merkwürdige Klänge sind?

Nach dem Ende die Kritik. Makanga hört mit gepressten Lippen, wie ein Dozent mehrdeutig urteilt: „sehr interessant“. Ein anderer: „Zum Glück haben Sie am Anfang gesagt, es sei ein Versuch.“ Ein Dritter fragt: „Haben Sie dieses Volkslied mit Ihrer westlichen Orchestrierung nun erhöht oder denaturiert?“ Makanga, die eigentlich Pilotin werden wollte und erst spät auf die Idee kam, Musik zu studieren, beantwortet die Frage erst nach dem Examen, im kleinen Kreis: „Man kann doch etwas Eigenes nehmen und etwas Westliches dazu und etwas Neues daraus machen.“

Man könnte die Dozentenfrage auch anders formulieren, grundsätzlicher: Was macht man mit Musik, die im eigenen Land so gut wie niemand hört oder spielt oder lernt?

Im Raum mit dem Konzertflügel wartet der zweite Kandidat auf seinen Einsatz. Der 23-jährige Heritier Mayimbi ist einer von neun Geigenstudenten an der Schule. Er ist Orchestermitglied, spielt die erste Geige. Er ist Kimbanguist, ebenso wie das Orchester zur kimbanguistischen Kirche gehört. Draußen auf dem Bus steht „Orchestre Symphonique Kimbanguiste“.

Die Kirche hat ihren Namen von Simon Kimbangu, der 1921 im Namen Jesu Kranke geheilt und Tote wiedererweckt haben soll. Viele Kongolesen konvertierten durch Kimbangu zum Christentum, das gefiel den belgischen Autoritäten. Viele Kongolesen hörten wegen Kimbangu auch auf, Kolonialsteuern zu zahlen. Das gefiel den belgischen Autoritäten nicht. Als Kimbangu schließlich predigte, dass ein schwarzer Messias kommen und die Weißen vertreiben werde, verurteilten sie ihn zum Tode. Die Strafe wurde in lebenslängliche Haft umgewandelt, und Kimbangu starb nach 30 Jahren Gefängnis. Belgien beugte sich kurz vor der Unabhängigkeit des Kongo der Macht der Masse und legalisierte die kimbanguistische Kirche im Jahr 1959. Heute ist sie nach der katholischen und protestantischen die drittgrößte Religionsgemeinschaft im Land.

Ausgerechnet aus dieser Bewegung, die mit antikolonialen Tönen groß wurde, entsprang ein Symphonieorchester in westlicher Tradition. Vor knapp zehn Jahren gründete ein Kimbangu-Enkel es als religiöses Orchester. Seither ist es auf 250 Mitglieder angewachsen. Die Zahl der Instrumente ist beachtlich, von sechs Kontrabässen bis zu drei Kesselpauken „haben wir alles: nur keine Harfe, die ist zu teuer“, sagt der Orchesterverwalter. Auch die Streichinstrumente konnte sich die Kirche nur leisten, weil sie billig in China eingekauft wurden. Jedenfalls gibt es genug Instrumente für große Besetzung, so dass in das Repertoire mittlerweile Mozarts Requiem ebenso selbstverständlich gehört wie der alte kimbanguistische Choral „Klage des Schwarzen Mannes gegen Gott“.

Die Proben sehen so aus: Der engagierte Oboist schüttelt einen Klarinettisten vor ihm, weil der einen Ton verquietscht. Ein Bratschist singt laut mit. Einer dösenden Posaunistin, die Dutzende Takte lang nichts zu tun hat, fällt der Kopf aufs Pult. Die 17-jährige Klarinettistin verpasst vielleicht deshalb ihren Einsatz, weil sie vom Medizinstudium träumt. Und immer knarren Türen und klingeln Telefone. Es ist sehr lebendig. Und magisch.

Abends in Ngiri Ngiri, dreimal die Woche, ein Eckhaus in einem wirbelnden Marktviertel. Staubig die Straßen, von Hitze und Schmutz verklebt die Passanten. Und dann biegt man um die Ecke, hört plötzlich keinen Alltagslärm mehr, sondern nur noch, während der Himmel sich schwarz einfärbt, Geigen und Celli den langsamen Satz aus Beethovens Violinkonzert singen.

An diesem Ort, der eine Kirche ist, üben sie zwischen grünen Säulen und Plastikblumenkränzen, die von den Wänden hängen. Zwei Ventilatoren versuchen, Moskitoscharen von den nackten Füßen der Musiker zu vertreiben. Dies ist ein striktes Gebot: in heiligen Stätten immer barfuß (denn auch Moses zog vor dem Dornbusch die Schuhe aus).

Auf den Tag des Examens haben das Orchester und die beiden Kandidaten lange gewartet. Eigentlich sollte es noch vor den Wahlen vom 30. Juli stattfinden. Doch die Prüfung war mehrfach verschoben worden, weil die Dozenten streikten. Wie an vielen Orten im Kongo werden die ohnehin schlechten Gehälter oft gar nicht ausgezahlt. Ein junger Dozent verdient, theoretisch, knapp 50 Dollar im Monat.

Mayimbi, der Geiger, gleitet bei der Prüfung sicher durch die drei Sätze von Beethovens Violinkonzert. Wenn er lächelt und in den Pausen über das Orchester hinwegblickt, wirkt er älter als seine 23 Jahre. Mit seinem Anflug von Bart über der Oberlippe und Pickeln auf der Stirn möchte man ihn sonst für einen Teenager halten. Auf dem Pult des Dirigenten liegt, neben einem Handy, die Partitur: Urtext der neuen Beethoven-Gesamtausgabe, G. Henle Verlag: Violinkonzert Beethoven D-Dur, Op. 61. Ein Geschenk der ehemaligen deutschen Botschafterin im Kongo.

Aber warum ausgerechnet klassische westliche Musik im Kongo? Diese Frage stellt sich hier niemand. Die entwaffnendste Entgegnung auf der Suche nach einer Antwort kommt von Frau Makanga, der Komponistin: „Warum nicht?“ Globalisierung sei überall, sagt sie. Die Leute hier sind Enthusiasten.

Ihr einziges Problem ist, dass es an allem mangelt: an gut ausgebildeten Lehrern, an guten Instrumenten, an Noten, Büchern, Schallplatten. Aber selbst das scheinen sie kaum wahrzunehmen. Mayimbi zum Beispiel spielt seit zehn Jahren Geige, seine Lehrer waren größtenteils Autodidakten, und auf die Frage, von welchem Geigenbauer sein Instrument sei, antwortet er: „Oh, da muss ich nachschauen, darauf habe ich noch nie geachtet.“

Aber er hat es geschafft: Das Konzertexamen endet mit langem Applaus und Kusshändchen, die er ins Orchester wirft. Sein Professor, Maître Michel, sagt: „Ich bin sehr zufrieden mit der Interpretation.“ Mayimbis Vater laufen vor Stolz die Augen über. Der Buchhalter war nicht begeistert von der Berufsidee seines Sohns. Auch die Mutter, Verkäuferin von gebrauchten Kleidern, hat oft gefragt: „Was machst du mit Musik, womit wirst du Geld verdienen?“

Die Frage steht wieder im Raum: Was macht man mit Musik, die im eigenen Land so gut wie niemand hört oder spielt oder lernt? Womit wird Mayimbi Geld verdienen? Er selbst jedenfalls kann sie oder will sie an diesem Tag nicht beantworten. Zunächst wird er wieder die erste Geige im Orchestre Symphonique Kimbanguiste spielen. Er wird wieder dreimal die Woche proben, vielleicht auch zu spät erscheinen wie all jene, die von der Arbeit oder der Arbeitssuche kommen. Die Wahl der Stücke wird weiter von den Partituren abhängen, die im Kongo beschaffbar sind. Und das Publikum werden weiter nur jene bilden, die zufällig abends am Probenraum in Ngiri Ngiri vorbeikommen.

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