Zeitung Heute : Mensch gegen Maschine - ein Mythos

STEFAN LÖFFLER

Vor dem Schach-Schaukampf in New York eint Weltmeister Kasparow und IBM mehr als sie trennt VON STEFAN LÖFFLER

-Als die Schachmaschine Deep Blue letztes Jahr in Philadelphia eine Partie gegen Garri Kasparow gewann, regte sich kaum eine Hand.Wenig Beifall oder gar Glückwünsche.Dabei war Deep Blues Sieg sehenswert.Keiner der üblichen Unfälle, wo der Mensch eine Gewinnstellung noch durch einen Konzentrationsfehler verspielt.An den folgenden Tagen zeigte der Weltmeister zwar nichts von seiner gewohnten Brillanz.Er behandelte die Partien, so banal es ging, gewann das Match aber sicher 4:2.Noch war die Maschine dem Menschen nicht Herr.Kasparow war der gefeierte Retter.Wenn die Leute wüßten. Kein Schachspieler nutzt Computer intensiver als Kasparow.Als erster durchschaute er die Schwächen seiner Konkurrenten mit Hilfe einer Datenbank.Seine Varianten speichert und prüft er mit dem Rechner.Seit Wochen sitzt er wieder vor dem Bildschirm, läßt sich Computerpartien vorspielen und analysiert die typischen Schwächen von Schachprogrammen.Die Gegenseite, die Ingenieure und Programmierer von IBM vertrauen schließlich auch nicht auf Hardware und Software allein.Zwei Großmeister, der New Yorker Joel Benjamin und Miguel Illescas aus Barcelona haben Deep Blue abgeklopft auf "Bugs", also Programmfehler bei der Berechnung und Bewertung, und auf Kasparow zugeschnittene Spielanfänge festgelegt.Von wegen Mensch gegen Maschine. Bei dem Revanchewettkampf ab Sonnabend in New York steht mehr auf dem Spiel als die 300 000 US-Dollar Differenz zwischen Sieg und Niederlage.Etwa sieben Millionen Dollar, ein Vielfaches des bei Projektbeginn 1989 geplanten, so schätzen Insider, hat IBM in die Entwicklung gesteckt.Ein Dutzend Wissenschaftler, Techniker und Schachexperten bastelten an Deep Blue.Zwei von ihnen, der aus Taiwan stammende Hsu Feng-Hsiung und der Kanadier Murray Campbell von Anfang an.Von Hsu stammt der Entwurf der speziellen Schachprozessoren.256 davon werden auf einer Parallelrechenanlage SP 2 plaziert.Das Match soll den Absatz dieses Großrechner ankurbeln. Mittlerweile drehte Kasparow für IBM Fernsehwerbespots.Zusammen mit dem Technologiekonzern zieht er Schach groß im Internet auf - eine Geschäftsidee, die der findige Russe schon lange hegt.Und das sei erst der Beginn der Zusammenarbeit, sagt sein Manager Owen Williams.Von wegen Gegner. Die Computerschachszene gibt wenig auf das bevorstehende Medienereignis."Eine nette Show" erwartet der Niederländer Cock de Gorter."Andere Spieler wären vom Stil viel unangenehmer für Deep Blue als Kasparow", findet der Wiener Profi-Programmierer Chrilly Donninger.Dabei rechnet selbst der Maastrichter Informatikprofessor Jaap van den Herik, sonst ein unverbesserlicher Computeroptimist, mit Kasparows Sieg.Hsu, Campbell und ihre Mitstreiter gelten als nette Jungs, die in einem Labor bei New York ihr Ding durchziehen.Sie haben Forschungsmittel, von denen andere nur träumen.Sie kommen schon lange nicht mehr zu Konferenzen und Turnieren.Sie veröffentlichen nicht einmal.Vor zehn Jahren war das anders.Die Doktorarbeiten von Hsu und Campbell gehören zum Besten, was über Computerschach geschrieben wurde.Die alten Hasen der Szene glauben, daß die zwei stehen geblieben sind bei der Philosophie der achtziger Jahre: "Brute Force", rohe Rechenleistung.Komplizierte Strategien und Bewertungen schaden da nur. Etwa 200 Millionen Berechnungen pro Sekunde soll Deep Blue schaffen, tausendmal soviel wie ein PC.Verglichen mit den Milliardenwerten, auf die andere Parallelrechner beim Beweisen mathematischer Theoreme oder bei Wettervorhersagen kommen, weckt das kaum Eindruck.Doch die Zahlen wiegen verschieden.Die sogenannte Spielbaumsuche beim Schach aufzuteilen ist alles andere als trivial.Schaffen die 256 Chips zusammen hundertmal soviel wie einer allein, ist das Soll erfüllt.Die Parallelisierung erschwert die Fehlersuche.Der Bau eigener Prozessoren kostet Zeit.Selbst wenn Hsu und Campbell wollten, könnten sie neue Ideen nicht mehr einbauen. Auch im Labor des MIT wurde ein Schachprogramm parallelisiert."Auf effizientere Weise als bei IBM", glaubt Charles Leiserson, dessen Gruppe speziell zur Parallelisierung die Sprache "Cilk" entwickelt hat.Der Professor gehört zu den wenigen, die noch Kontakt zu IBM haben.Aus locker verabredeten Testpartien zwischen ihren Programmen wurde aber nichts.Deep Blues Bewertungsfunktion ist in Hardware konstruiert und daher viel roher als bei PC-Programmen.Jedes Spiel ist verräterisch.Bis zum 3.Mai werden alle Züge der aktuellen Version, intern "Deeper Blue" getauft, gehütet wie ein Staatsgeheimnis.

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