Zeitung Heute : Mensch und Maler

Wer sind die Menschen auf Rembrandts Bildern? Lange glaubte man, seine Familie, seine Frauen darin zu sehen. Das Rätsel bleibt ungelöst

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Von Nicola Kuhn Rembrandt – das ist eine Herzensangelegenheit, eine ganz persönliche Affäre. Weshalb man sie seit jeher nicht allein den Kunsthistorikern überlassen mag. Bei Rembrandt sind Gefühle mit im Spiel; seine Gemälde gleichen psychologischen Kammerspielen. Stil, Formfindung, Komposition sind das eine, das Terrain der professionellen Rembrandt-Kenner. Aber beim Seelenleben seiner Bilder, der emotionalen Exegese reden hoch kompetent auch alle anderen mit. Denn die Porträts des Malers, seine Figurendarstellungen bei Bibelszenen und mythologischen Motiven sind dem wirklichen Leben so nah, dass der Betrachter selbst in ein Verhältnis zu den gezeigten Personen tritt.

Diese Lebensnähe verführte zumal im 19. Jahrhundert die Forscher dazu, in Rembrandts Göttinnen, in den Dianas und Bathsebas konkrete Personen seiner persönlichen Umgebung zu erkennen. War denn nicht jene verträumte Jungfer, die sich halb bekleidet aus den Kissen nach vorne beugt, mit den Augen eines Liebenden gemalt worden? Wilhelm von Bode sinnierte 1892 über das berühmte Edinburgher Bildnis „Frau im Bett“: „Man sieht auf den ersten Blick, dass dies nicht bloß der Kopf eines Modells ist, so wie diese Frau im Bett liegt, sich aufstützt und den Vorhang zur Seite zieht, als ob sie vertraute Schritte hört. Das ist eindeutig die Frau, zu der Rembrandt eine persönliche Beziehung hat.“ Und war die Unzüchtigkeit der Bathseba nicht eine Anspielung auf die „Hurerei“ von Rembrandts Hausmädchen Hendrickje Stoffels, die wegen ihres Zusammenlebens mit dem Maler durch den Amsterdamer Kirchenrat vom Gottesdienst ausgeschlossen worden war?

Das 19. Jahrhundert war die Hochzeit für Spekulationen um Rembrandts Familie und ihre Darstellung im Werk. Die Ernüchterung brachte die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem „Rembrandt Research Project“, das nicht nur den Umfang seiner Werke drastisch reduzierte, sondern auch in der Bestimmung größtmögliche Sachlichkeit walten ließ. Den heilsamsten Schrecken erfuhren dabei die Berliner, deren „Mann mit dem Goldhelm“ einst als Bruder Rembrandts von der Gemäldegalerie erworben worden war. Nun ist er nur noch dem Umkreis der Werkstatt zugeordnet, von verwandtschaftlichen Banden weit entfernt.

Doch auch die wissenschaftliche Strenge des „Rembrandt Research Project“ weicht mit Fortschreiten zunehmend einer Milde, die sich ebenfalls ins Bild der Zeit fügt. Nach dem Überschwang der Gefühle im 19. Jahrhundert, der kategorischen Überprüfung aller Rembrandt-Duselei im 20. scheint man sich im 21. Jahrhundert wieder gewisse Sentimentalitäten zu erlauben: Rembrandt war eben nicht nur Maler, sondern auch Mensch. Mag sein, dass dabei der Sehnsucht des Publikums nach Geschichten, nach Möglichkeiten zur Identifikation nachgegeben wird. Nun aber wird die Begegnung mit dem Meister nicht mehr biografisch überhöht, sondern im Gegenteil: Aus der wissenschaftlichen Analyse der dargestellten Personen wird eine neue Narration destilliert.

Die fünf Jahre zurückliegende Ausstellung „Rembrandt’s Women“ zunächst in der National Gallery in Edinburgh und dann in der Londoner Royal Academy ist dafür das beste Beispiel. Sie stellte die glasklare Frage „Waren die von Rembrandt porträtierten Frauen identisch mit den Frauen in des Malers Leben?“ und hatte damit beides: das Drama seiner Vita mit Aufstieg, Absturz, Liebesglück bis hin zur grausamen Verstoßung der einstmaligen Gefährtin – und die Seriosität einer wissenschaftlichen Untersuchung. Dem Publikum aber bot sich ein großartiges Panorama mit knapp hundert Bildern, darunter dreißig Gemälden. Die Besucher durften sich ebenfalls versuchen in dem kunsthistorischen Rätselspiel: Wer ist die „Frau im Bett“ aus der schottischen Nationalgalerie, die den Anlass zur Ausstellung gab? Seine Frau Saskia oder Geertje Dircks, das Kindermädchen von Rembrandts Sohn Titus, das nach Saskias Tod zu seiner Gefährtin wird, oder ihre Nachfolgerin Hendrickje Stoffels? Die Kunsthistoriker haben alle Varianten durchgespielt, das vermutlich zwischen 1645 und 1647 entstandene Bild mal vor-, mal zurückdatiert. Bis heute ist nicht einmal geklärt, ob das edel bestickte Betttuch und der ausgefallene Haarschmuck auf ein mythologisches oder ein historisches Motiv verweisen oder ob die Schöne am Ende doch nur eine Kurtisane ist.

Den gleichen kuratorischen Ansatz hat auch das Städtische Museum in Leiden für die Eröffnungsausstellung des Jubiläumsjahres in Holland gewählt. Der Titel lautet „Rembrandts Mutter – Mythos und Wirklichkeit“ und vereint ebenfalls Leihgaben aus aller Welt, insgesamt über achtzig Gemälde, Zeichnungen und Radierungen. Der Zusammenhang ist schnell hergestellt: In Leiden wurde Rembrandt geboren, hier liegt das Thema auf der Hand. Diesmal lautet die Frage: Ist jene Bibelleserin, die Rembrandt mehrfach porträtierte, tatsächlich die Müllersfrau Neeltje van Zuydtbroeck? Allerdings war das Konzept der britischen Ausstellung von 2001 ungleich attraktiver, denn damals konnte sich das Publikum noch an rosigen Wangen, zart schwellendem Fleisch, Göttinnen mit einer gewissen Bodenhaftung delektieren. In Leiden nun studiert der Besucher Runzeln, Falten, Altersflecken. Und trotzdem teilt sich die gleiche Botschaft mit wie in Edinburgh und London: die tiefe Menschlichkeit des Malers, die „Beseeltheit“ seiner Bilder, wie es Georg Simmel mit einem schönen Wort aus dem 19. Jahrhundert beschreibt.

Rembrandts Vita bleibt ein Faszinosum. Auch die Schau der Berliner Gemäldegalerie zum Jubiläumsjahr zieht daraus ihren Nutzen; mit dem etwas reißerischen Untertitel „Ein Genie auf der Suche“ wissen die Ausstellungsmacher ihr Publikum zu locken. Das Rätsel um Rembrandts Malerei bleibt unauflöslich verbunden mit den Menschen, die ihm nahe standen. Daran hat auch die Entschlackung der Rembrandt-Biografie von allem Mythischen nicht viel geändert, in deren Folge der Künstler menschlich sehr viel fragwürdiger erscheint. Plötzlich steht er nicht mehr da als der Malerheros, der an seiner künstlerischen Integrität zugrunde geht, sondern als mutwilliger Bankrotteur, der das Erbe seines Sohnes verspielt und die lästig gewordene Geliebte in eine Anstalt abschiebt, als sie ihn auf das Eheversprechen verklagt.

Mag sein, dass die Berliner Ausstellung das Ruder der Interpretation wieder rumreißt: wieder weg von den äußeren Bedingungen, hin zur eigentlichen Tätigkeit eines großen Künstlers, dem Malen und dem Unterrichten, dem die neuere Forschung zunehmend ihre Aufmerksamkeit schenkt. Seine Frauen, seine Familie bleiben als Protagonisten in Rembrandts wechselvollem Lebens dennoch erhalten, auch wenn sie heute weitaus weniger mit seiner Kunst in Verbindung zu bringen sind.

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