Zeitung Heute : Mensch Und Mouse

WILFRED LINDO

Wenn es nach einigen Utopisten ginge, dann lernen und arbeiten wir zukünftig nur noch in einem weltumspannenden Netz von Rechnern.Völlig ungebunden von Raum und Zeit verbringt der moderne, arbeitende Mensch sein Leben online vor der "Kiste".Doch längst ist die Idee des virtuellen Unternehmens nicht nur ein bloßes Hirngespinst einzelner Technokraten.Seit Jahren forcieren Unternehmen in zahllosen Projekten die Themen Telelearning, Telearbeit oder virtueller Arbeitsplatz.Unzählige Fördermittel fließen stetig in groß angelegte Initiativen.Doch bisher lassen praxisnahe Konzepte und deren Umsetzungen auf breiter Basis noch auf sich warten.Zudem scheinen nicht die Menschen, sondern wieder einmal die wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen im Mittelpunkt zu stehen.So stürzen sich die Verantwortlichen eher auf die technische Umsetzung als auf die sinnvolle Einbettung der neuen Arbeitsform in das soziale und gesellschaftliche Umfeld.



Dabei wären intelligente Lösungen für den Arbeitsmarkt so dringend notwendig, die gleichwohl dem Arbeitgeber als auch den Arbeitnehmern gerecht werden.Telearbeit wäre das Instrument, um Langzeitarbeitslose schrittweise wieder in den Arbeitsprozeß einzuführen oder berufstätigen Eltern eine flexible Arbeitszeitgestaltung zu ermöglichen.Vor allem Mütter, die wieder in den Beruf einsteigen wollen, hätten ihren Arbeitsplatz zuweilen gerne in den heimischen vier Wänden.Wird diese neue Form der Arbeitsorganisation in größerem Maße betrieben, dann kommt der Wegfall von Pendelzeiten, die Entlastung von Ballungszentren, die Entzerrung des Verkehrs und die Reduzierung des Energieverbrauchs allen Menschen zu gute.



Dabei darf das ortsunabhängige Lernen im Netz nicht als Aufweichen des sozialen Gefüges zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mißverstanden werden.Bei allen Vorteilen sind die Gefahren unverkennbar.Dem Herauslösen des Einzelnen aus allen sozialen, gesellschaftlichen Bindungen muß bereits im Vorfeld ein Riegel vorgeschoben werden.Hier kann sich der betroffene Telearbeiter nicht nur auf willkürliche Entscheidungen eines einzelnen Unternehmens verlassen, sondern an dieser Stelle sind konzernweite Betriebsvereinbarungen und die Schaffung einer eindeutigen gesetzlichen Grundlage zwingend notwendig.Hier ist die wegweisende Rolle der Gewerkschaften gefordert, die längst in vielen Bereichen Ihre Position verloren gegeben haben.Doch teils aus Unwissenheit, teils aus verkrusteten Strukturen heraus, fehlen aus diesem Lager noch die entscheidenen Impulse.



Bis es soweit ist, müssen daher noch einige Weichen gestellt werden.In der konkreten Umsetzung hinkt die Wirklichkeit den Plänen und Konzepten deutlich hinterher.Nur aus technischer Sicht stellt der Telearbeitsplatz kein Problem mehr dar.Alle Funktionalitäten eines vergleichbaren Büroarbeitsplatzes lassen sich heute mit einer leistungsstarken Kommunikationsanbindung an jedem beliebigen Ort abbilden.Doch Telearbeit darf nicht nur eine räumliche Verlagerung von Einzelarbeitsplätzen sein.Telearbeit heißt, zuhause vom Computer aus mit einem Betrieb zusammenzuarbeiten und in den wichtigen Prozessen integriert zu sein.Richtig in unser wirtschaftliches und soziales Gefüge eingebettet, bietet das Lernen und Arbeiten im Netz ein neue Dimension für jeden Einzelnen, der im Arbeitsprozeß steht.Nicht zu vergessen sind die erheblichen Effizienzsteigerungen und Kostenersparnisse der Unternehmen.

Der Autor ist Unternehmensberater in Berlin und hat sich auf die neuen Medien spezialisiert.

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