Zeitung Heute : Mensch & Mouse

WILFRED LINDO

Kein Tag vergeht, an dem nicht eine Hiobsbotschaft zum Thema 2000 - also der Datumsumstellung - die Runde macht.In fast allen Medien ist die Rede vom totalen Zusammenbruch aller Rechnersysteme.Pessimisten sehen pünktlich zur Jahrtausendwende weltweit die Lichter ausgehen.Kein Rechner funktioniert dann noch ordnungsgemäß, das Chaos ist perfekt.Der elektronische Supergau steht unmittelbar vor der Tür.



Geschürt von Gerüchten und Meldungen, sind viele Anwender und Unternehmen verunsichert.Dabei weiß heute niemand genau, was wirklich passieren wird.Angesichts der drohenden Gefahr, sind die Verantwortlichen auf der Suche nach der rettenden Hand.Gefragt sind Berater, Programme und Schulungen, die die Lösung aller Probleme bei der Umstellung bringen sollen.Der Markt ist voll von Lösungspaketen.Das Spektrum reicht vom einfachen PC bis hin zum Großrechner.



Dennoch ist das Problem nicht zu unterschätzen.Die Wurzeln des Problems liegen in den Pionierzeiten der EDV.Aufgrund der damaligen Ressourcen verwendeten die Macher für das Datumsfeld einfach ein zweistelliges Feld.Diese Methode schlägt sich nun heute bei allen Rechnersystemen nieder.Jede Software, die in irgendeiner Weise mit Datumsangaben arbeitet oder diese verwaltet und abspeichert, ist betroffen.



Etwas aufatmen kann der Nutzer von Standardsoftware.Hier muß der Hersteller für die notwendige Produktpflege sorgen.Auch wenn die bisherigen Erfahrungen mit einzelnen Produkten gezeigt haben, das dies auch nicht ohne Schwierigkeiten ablaufen wird.Doch in diesem Umfeld werden sich die Auswirkungen zum Zeitpunkt X in Grenzen halten.Wirklich problematisch sieht es für Unternehmen aus, die auf Eigenentwicklungen oder sehr komplexe Lösungen zurückgreifen.Hier liegt das Problem nun darin, daß alle betroffenen Systeme von zwei auf vier Jahresziffern umgestellt und alle Datenbestände konvertiert werden müssen.



Doch nicht nur die Angst geht umher.Es gibt auch den lachenden Dritten in der Runde.Längst haben sich ganze Branchen auf das Projekt 2000 gestürzt.So bescheren die damit verbundenen Projekte und anstehenden Arbeiten einer ganzen Software-Branche einen Wachstumsschub, der noch einige Jahre anhalten wird.Prognosen sprechen von Milliarden-Umsätzen, die weltweit erwartet werden.Ob die Panik und das damit verbundene Geschäft berechtigt sind, zeigt sich allerdings erst am 1.Janaur des Jahres 2000.



Dabei tangiert das Problem nicht nur kleine, abgegrenzte Lebenssräume in Forschung und Entwicklung.Vielmehr sind alle Bereiche des täglichen Lebens davon betroffen.Beispielsweise stehen auch Computer hinter den Verkehrsleitsystemen oder der Wasser- und Stromversorgung.Angesichts des sehr verhaltenen Einsatzes von Behörden und Institutionen in unserem Lande, kann der Start in das neue Jahrtausend mit einem Kollaps aller Systeme beginnen.Ein Stillstand des gesamten Verkehrs ist dann noch die kleinste Auswirkung.Selbst Probleme bei lebensnotwendigen Systemen sind denkbar.Niemand kann sicher sein, daß die gefundenen Lösungen auch wirklich funktionieren.Dann wird vielleicht dem Menschen erst bewußt, wie stark sein Leben in den Händen der Computer liegt und wie angreifbar er dadurch geworden ist.Die Zeit läuft.

Der Autor ist Unternehmensberater in Berlin und hat sich auf die neuen Medien spezialisiert.

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