Zeitung Heute : Mensch & Mouse

FLORIAN RÖTZER

Freudig verkündete Engage Technologies Anfang der Woche, daß die Datenbank des Softwareherstellers für die präzise Online-Direktwerbung von 12 auf 30 Millionen angeblich anonyme Web-Benutzerprofile angewachsen sei.Das ist immerhin ein guter Teil der Internetbenutzer auf der ganzen Welt.Stolz verkündet man auch, daß eine Reihe von wichtigen Web-Sites wie Lycos-Tripod oder Geocities mit monatlich jeweils 14 Millionen Besuchern als Lieferanten für die anonyme globale Datenbank fungieren.

Da viele Web-Sites abhängig von der Werbung sind, verspricht man sich einiges von der individuell zugeschnittenen Werbung.Das aber setzt voraus, daß man die entsprechenden Daten sammelt, die sozusagen das Gold im Cyberspace darstellen, auch wenn diese Sammlung und das Speichern von Daten die Privatheit unterhöhlen.Noch kann man in Geschäften des wirklichen Lebens anonym einkaufen, auch wenn sich hier ebenfalls die Überwachungskameras vermehren, die neuerdings mit Erkennungssoftware ausgestattet sind.Denn die Geschäfte sind daran interessiert, wer was wann wie oft einkauft, um ihre Waren dementsprechend zu plazieren.Doch der Cyberspace übertrifft alle anderen Möglichkeiten, an private Daten heranzukommen.Nichts ist öffentlicher, als wenn man vermeintlich heimlich in seinen vier Wänden oder während der Arbeitszeit im Internet surft und deutlicher als jeder Hund seine Spuren hinterläßt.

Jede Seite und jeder Link, die man anklickt, wird erfaßt.Der gläserne Konsument ist der Wunschtraum jeden Anbieters.Und viele Web-Surfer kümmern sich denn auch nicht darum, ob ihre Spuren gesammelt werden, mit denen sie sich identifizieren lassen.Selbst achtbare Zeitschriften wie die New York Times gewähren nur dann die Lektüre ihrer Online-Artikel, wenn man zustimmt, daß Cookies gesetzt werden.Zuvor muß man bereits Namen, Adresse, Einkommen und anderes angeben.Wer schlau ist, schwindelt natürlich.

Engage betont zwar die Anonymität, also daß der Name, die genaue Adresse oder die Kreditkartennummer nicht gespeichert werden, aber die übrigen Daten der Web-Surfer wie Alter, Geschlecht, ZIP-Code und Zahl der Kinder werden hier gesammelt und mit den jeweiligen Interessen kombiniert, auch wenn die Nutzer nichts davon wissen, geschweige denn ihr Einverständnis gegeben haben.Viele Online-Anbieter sind Jäger von Daten, die sich auch gut verkaufen lassen.

Das Strickmuster der Anwendung jedenfalls ist einfach.Liest jemand im Web beispielsweise einen touristischen Artikel über Italien, so bekommt er eventuell eine dazu passende Werbung über eine Fluglinie oder ein Hotel.Ähnlichkeit ist die Formel der persönlichen Werbung.Wer sich einmal für etwas interessiert, bekommt die entsprechende Identität zugeschnitten, die mit bestimmten Waren ausgestattet wird.Am leichtesten erhält man persönliche Daten, wenn man ein Preisausschreiben veranstaltet und die Teilnehmenden zunächst Fragebögen ausfüllen läßt.Auf diese Weise konnte Walt Disney kürzlich die Daten von einer viertel Million Menschen erwerben.Also schwindelt, was das Zeug hält, wenn ihr durch das Web surft.Nicht nur die großen Brüder, auch die vielen kleinen Brüder lauschen und nehmen, was sie kriegen können.

Der Autor ist Redakteur der Online-Zeitschrift " Telepolis "

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